Feier mit Atomrakete

Bremen, Tschaikowsky: Eugen Onegin

Opernwelt - Logo

Tatjana Gürbaca hat ihren Puschkin gut gelesen. Im fünften Kapitel des Versromans «Eugen Onegin» erlebt Heldin Tatjana einen Alptraum, in dem sie Onegin inmitten von grässlichen Monstren und Ungeheuern sieht. Und diesen Traum transponiert die Regisseurin in ihre Bremer Inszenierung der Tschaikowsky-Oper, lässt ihn statt der Briefszene spielen. Eine verblüffende Idee, mit der – bei einer gewissen Textvernachlässigung zwar – die Emotionen der Musik genau abgedeckt werden.


Auch sonst hat Tatjana Gürbaca das Stück gründlich umgekrempelt, teils in psychologischer Feinarbeit, teils aber auch, indem sie mit dem groben politischen Klotz eins draufsetzte. Etwa, wenn der Chor der Landleute im ersten Akt zu einer kleinen Palastrevolution der aufsässigen Bauern gegen ihre Herrschaft umfunktioniert wird oder – weit reichender – die Ballmusik im dritten Akt die kommunistische Machtfeier anlässlich einer neu konstruierten Atomrakete illustriert. Gegen solche veräußerlichten, zur Stimmungsmalerei der «Lyrischen Szenen» konträren Momente sind dann wieder so eindringliche gesetzt wie das Duell, bei dem Lenski im letzten Moment die Pistole wegwirft, dem Freund in die Arme stürzt und dabei nur ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2010
Rubrik: Panorama, Seite 39
von Gerhart Asche

Vergriffen
Weitere Beiträge
Aus dem Geist Offenbachs

Ralph Benatzky gehört zu den Ein-Werk-Komponisten. Wer kennt außer dem «Weißen Rössl» weitere seiner rund 70 Komödien, Operetten und Revuen? Zwei Titel – Musikalische Lustspiele, also nicht «Operetten», sondern Komödien mit eingelegten Chansons und Ensembles für Schauspieler – macht das Label Walhall erstmals aus Rundfunkarchiven zugänglich. Dabei handelt es sich...

Späte Rehabilitierung

Bergs «Wozzeck» wurde in Russland bisher nur ein einziges Mal inszeniert – 1927 in Leningrad. Es handelte sich um die zweite Auslandsproduktion nach der Uraufführung (die erste war damals in Prag zu sehen). Seitdem kursiert in Russland das Märchen von den unüberwindlichen Schwierigkeiten des Werks. Die Initiative zum ersten neuen Versuch nach mehr als acht...

Bescheiden, bodenständig, bezaubernd

Mehr als ein halbes Jahrhundert hat sie auf der Bühne gestanden, zuletzt vor zehn Jahren. Ein geschäftstüchtiger Star moderner Prägung ist sie nie gewesen, aber ihre Karriere war stetig und die künstlerische Ernte ihrer Arbeit gewaltig, zum Glück festgehalten in zahlreichen Ton- und einigen Filmdokumenten. Am 20. November ist die Sopranistin Elisabeth Söderström im...