Everybody's Darling
Als eine Art pièce de résistance gilt Brittens «Billy Budd» innerhalb der opernaffinen Queer-Community. Der «schöne Matrose», der alle Bewunderung an Deck eines Kriegsschiffs auf sich zieht, wird gern als Bild latent homosexueller Arbeits- und Lebenszusammenhänge gedeutet. Und entspricht so möglicherweise sogar den Intentionen des Komponisten (dessen Lebenspartner Peter Pears in der Uraufführung 1951 den Kapitän sang). Entsprechend oft hat man hier viel nackten Thorax gesehen. Viel geölte Muskeln.
Und Star-Sänger, für welche der Begriff – innerhalb der Queer-Community der Oper – nicht zu Unrecht gebildet wurde.
Die mit der Londoner English National Opera und dem Bolschoi Theater koproduzierte Inszenierung von David Alden geht einen anderen Weg. Der kleine, ungewaschene Kerl mit den fettigen Haaren, der hier als Zwangsrekrutierter an Bord der «Indomitable» kommt, fällt kaum weiter auf. Er ist ein Everyman’s Billy. So wird die Faszinationskraft, die er auf die Mannschaft ausübt, ganz und gar zum Gegenstand von Projektion und psychologischer Konstruktion. Eine Sichtweise, die zumindest der Roman-Vorlage von Herman Melville besser entsprechen dürfte als jede andere Interpretation. Das ...
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Opernwelt Juli 2014
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Kai Luehrs-Kaiser
Es sind pubertierende Jugendliche – sechs Solisten sowie die von acht Mitgliedern des Chors Barock vokal Mainz dargestellten Nymphen und Hirten –, die Tatjana Gürbaca in ihrer bestürzend simplen, aber umso eindringlicheren Inszenierung von Johann Adolph Hasses Pastoralspiel «Leucippo» auf die Bühne des Schwetzinger Rokokotheaters zitiert. Es geht darin um die...
Möglicherweise sei unsere Welt die Hölle eines anderen Planeten, lesen wir in altertümlicher Schreibmaschinenschrift auf dem Vorhang, bevor dieser hochfliegt und ein dumpfes Brummen wie Kopfschmerz durch das Braunschweiger Staatstheater zieht. Roland Schwab inszeniert die deutsche Erstaufführung von Vivaldis «Farnace» – uraufgeführt 1727 in Venedig und bis 1738...
Peter Konwitschny ist mit Johann Sebastian Bach groß geworden. Weil sein Vater Franz von 1949 bis 1962 Gewandhauskapellmeister war, wuchs er in der Bach-Stadt Leipzig auf. Viel später, an der Oper, wo er von 2008 bis 2011 Chefregisseur war, begann er, sich die Kantaten vorzunehmen: «Ich habe genug» war 2009 die erste, 2010 folgte «O Ewigkeit, du Donnerwort» (BWV 60...
