Entzauberte Macht
Ach, Aida, wie siehst du nur aus! So ruft unsere innere Stimme, als Gweneth-Ann Jeffers die Bühne betritt, mit einer Ledermappe in der Hand und müder Miene, in miserabel sitzender Kniehose und Oma-Gerda-aus-Pusemuckel-Bluse. Eine Sklavin ist sie nicht, die äthiopische Königstochter, aber eben auch keine Königstochter mehr. So wie Amonasro, ihr auch vokal grobschlächtiger Vater (Peteris Eglitis), kein König und der König von Ägypten auch nur ein Abziehbild von einem Minister von heute ist.
Nein, diese Aida ist eine gewöhnliche (als Sängerin zwar expressive, doch mit der Intonation kämpfende) Fremde, die es in ein Land verschlagen hat, das von zwei Seelenzuständen beherrscht wird: der Bürgerseele und der Soldatenseele. Dieses Land könnte überall sein, es ist Metapher für den Zustand einer moralisch verlotterten Gesellschaft, die zu wissen meint, was richtig für andere ist. Man gibt sich also Mühe, die Gefangenen, die der stimmlich solide Feldherr Radames (Alexej Kosarev) nach blutigem Gefecht anschleppt und die ein bisschen aussehen wie eine Gruppe verirrter Esoteriker, zu guten, will sagen: angepassten Menschen zu machen. Man zeigt ihnen, wann man über eine Straße geht (wenn die ...
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Opernwelt Mai 2011
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Jürgen Otten
Ein Anfang vor dem Anfang. Noch ehe der Dirigent den Taktstock hebt, hat Richard Wagners «Parsifal» in Basel bereits begonnen. Ein farbiger älterer Herr bahnt sich den Weg vors Parkett, blickt ernst ins Publikum, nimmt an dem Tischchen links vorn vorm Graben Platz, stützt den Kopf in die Hand, sinnt. Auf dem Tisch eine Lampe, eine Partitur und ein Foto von...
Ach, diese Münchner Kulturschickeria. «Sehr schnell auf die Nerven» könne die einem gehen. Und dann erst die Politik: zunächst umarmt, «dann wieder eiskalt im Stich gelassen». Das, was Ulrich Peters der Zeitung seines baldigen Wirkungsortes Münster anvertraute, riecht vor allem nach einem: nach verbrannter Erde. Vor dem Sprung vom Theater Augsburg nach München...
Die Vermessung des Opernkontinents Jean-Baptiste Lully ist abgeschlossen: 24 Jahre nach William Christies bahnbrechender Einspielung des «Atys» liegen mit Christophe Roussets Aufnahme des «Bellérophon» nun endlich alle 13 Tragédies lyriques auf CD oder DVD vor, die der Surintendant de la musique ab 1673 für den Hof des Sonnenkönigs schuf. Dass «Bellérophon» am...
