Entscheidend ist der Klang
Als Joan Sutherland 1969 in Hamburg als Cleopatra in Händels «Giulio Cesare» ihr lange erwartetes Deutschland-Debüt gab, charakterisierte Horst Koegler ihre Erscheinung in der «Stuttgarter Zeitung» folgendermaßen: «Von Gestalt eher eine Walküre ... mit einem etwas planen Gesicht und molligen Armen ... bewegt sie sich mit der Grazie einer leicht übergewichtigen Gazelle.»
Die Frau, die ich fast vierzig Jahre später am Rande des Königin Sonja Gesangswettbewerbs in Oslo zum Interview treffe, entspricht diesem Bild kaum noch.
Sie ist heute eine grazile alte Dame, noch gut auf den Beinen und hellwach im Kopf, die über eine ganz natürliche Aura verfügt und kein Aufhebens um ihre Person macht. Sie scheint nicht in der Vergangenheit zu leben, sondern bewusst im Hier und Heute – eine Frau, für die es auch ein Leben außerhalb der Bühne gibt. Im Gespräch ist sie offen und unkompliziert, gibt bereitwillig Auskunft über Details ihrer Karriere und beantwortet geduldig auch Fragen, die ihr möglicherweise schon hundertmal gestellt wurden. Dabei lässt sie jede Gelegenheit aus, sich ins rechte Licht zu rücken. Sie ist schließlich nicht als ehemalige Jahrhundert-Diva hier, sondern als fachkundige ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Zum siebten Mal fand Ende August der 1995 ins Leben gerufene Gesangswettbewerb Königin Sonja (Dronning Sonja Internasjonale Musikkonkurranse) in Oslo statt. Einhundertsiebenundsechzig Kandidaten aus zweiundvierzig Ländern hatten sich gemeldet, vierundvierzig Teilnehmer wurden ausgewählt. Eine hochkarätige Jury, bestehend aus Joan Sutherland, Anne Gjevang, Ragnar...
Leonie Rysanek war ein Bühnentier, das sich in der Sterilität des Studios nicht ausleben konnte. Deshalb geben ihre Schallplattenaufnahmen nur einen vagen Eindruck ihres Künstlertums. Umso wertvoller sind die Mitschnitte ihrer Theaterauftritte, die in den letzten Jahren verstärkt und auch ganz legal auf den Markt gekommen sind. Die Vibrationen ihres dramatischen...
Das Kunstlied hat es schwer im heutigen Konzertbusiness: eine kleine, intime, garantiert eventfreie Form, die feine Ohren und Seelenverständnis auf beiden Seiten des Podiums voraussetzt. Die Komplexität des Liedes erschließt sich Hörern wie Künstlern erst mit beharrlicher Anstrengung. Nichts ist einfach, und doch soll alles natürlich wirken. Und: Manche Stimme,...
