Eisige Utopie
Aktueller kann Oper kaum sein: Gerade hat Norddeutschland eine der längsten Trockenperioden seit Beginn der Wetteraufzeichnungen erlebt, da führt Jörn Arneckes Musikdrama «Kryos» dem Publikum die erschreckenden Folgen einer Klimakatastrophe vor Augen – in einer Science-Fiction-Utopie mit Tiefgang und doppeltem Boden. Im 23.
Jahrhundert, nachdem ein Großteil der Menschheit in einer apokalyptischen Überschwemmung zugrunde gegangen ist, haben sich in Hannah Dübgens Libretto einige wenige Davongekommene auf dem eisigen Berg Kryos, der am Pol aus dem Wasser ragt, zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen. Positiv gestimmte, ewig lächelnde Wesen, die unter der Devise «Stabilität und Harmonie» eine neue, von totalitären Strukturen bestimmte Art des Zusammenlebens erproben.
Alles scheint bestens zu funktionieren, bis auf einmal ein Fremder, «wie aufgetaut aus einer anderen Zeit», an den Strand gespült wird und durch sein Auftreten, seine Art zu kommunizieren (er spricht, während alle anderen singen) die Ordnung auf Kryos gründlich durcheinander bringt. Er stellt unbequeme Fragen, hört bedrohliche Geräusche, die den übrigen verborgen bleiben. Steht die Welt vor einer erneuten Katastrophe?
D ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juli 2011
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Gerhart Asche
Das Ende des Trojanischen Krieges liegt schon einige Jahre zurück. Idomeneo, König von Kreta, hat längst abgedankt, Sohn Idamante hat die Geschäfte übernommen und mit Ilia einen hübschen Knaben gezeugt. Der glückliche Ausgang von Mozarts Musikdrama legt eine solche Fortsetzung nahe. Alles hat sich zum Besten entwickelt: Frieden zwischen den Völkern, Liebe unter den...
«Wir arme Leut’», singt Wozzeck, als der Hauptmann ihm Moral predigt. Ein Erniedrigter und Beleidigter. Alban Berg hat in seiner Vertonung von Büchners Fragment Armut und Verelendung ins Zentrum gestellt. Die Versuchung drängt sich auf, entweder Elendskitsch oder ein heutiges Hartz-IV-Drama in prekärem Milieu zu zeigen.
Regisseur Ingo Kerkhof ist im Kölner Palladium...
Karl Marx war kein Marxist und Richard Wagner kein Wagnerianer. Beiden ist noch zu Lebzeiten und erst recht nach ihrem Tod das widerfahren, was revolutionären Neuerern stets widerfährt: Aus ihrem Denken wurde ein System, aus ihrer Weltanschauung ein Glauben gezimmert. Wagner hat es geahnt. Jedenfalls überliefert Cosima in ihren Tagebüchern eine vier Wochen vor dem...
