Eine Frage des Geschmacks
Am 16. April 1931 hebt sich in der Wiener Staatsoper der Vorhang zu einem Werk, das neu ist und zugleich bejahrt. Der Grund für diesen Widerspruch liegt auf der Hand: Aus der Taufe gehoben wird das Dramma per musica in tre atti, «Idomeneo, Rè di Creta».
Doch nicht jenes anno 1781 in München uraufgeführte Werk gleichen Namens von Wolfgang Amadeus Mozart erleben die Wiener, sondern die Fassung des Mannes, der an diesem Aprilabend am Pult des Orchesters steht: In Verehrung für Mozart hat Richard Strauss dessen «Idomeneo» gemeinsam mit dem erfahrenen Regisseur Lothar Wallerstein, der die deutsche Textfassung erstellte, einer gründlichen Revision unterzogen. Revision, das heißt zunächst: Kürzung. Eine satte Stunde weniger dauert dieses «polierte» musikalische Drama. Und mehr als nur einmal reiben sich die Zuhörer verwundert die Augen: Nicht nur hat das Duo sämtliche Secco-Rezitative aus der Oper hinausbefördert und sie durch handlungstreibende Accompagnati ersetzt; nicht nur sind zwei Partien in den Keller verfrachtet worden, nämlich von der Tenor- in die Basslage; nicht nur wurde die furios-eifersüchtige Elettra aus dem Stück hinauskomplimentiert und durch Ismene, eine kretische ...
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