Editorial Dezember 2018
Erkenntnis fällt nicht vom Himmel. Und gilt selten für die Ewigkeit. Weil die Dinge im Fluss sind. Wer verstehen will, sollte Kopf und Sinne in Bewegung setzen, sich öffnen für das Unvertraute, Unvorhersehbare. Und vor allem: das Gespräch suchen, fragend, forschend, ohne Scheuklappen. Zuhören, genau, geduldig, wägend – das ist eine Kunst, die wir zu verlernen drohen, wenn sie nicht immer wieder neu geübt wird. Wahrheit entsteht im Dialog, das wussten schon die antiken Sokratiker. Im kontinuierlichen Austausch von Argumenten und Erfahrungen, auf Augenhöhe, dem Anderen zugewandt.
Das ist anstrengend – und zugleich beglückend. Weil sich, im besten Fall, in diesem Prozess unser Blick auf die Welt schärft, wir Gedanken, Emotionen, Erklärungen wahrnehmen, die vorher ausgeblendet waren.
Musiktheater ist Dialogkunst, komplexe Kommunikation. Es steht und fällt mit der Qualität der Verständigung. Ohne präzise, zugleich flexible Abstimmung zwischen Solisten und Musikern, Regie und Technik, Leitung und Verwaltung liefe jede Aufführung aus dem Ruder. Und ohne ein engagiertes, Oper als Diskurs über die großen Lebensfragen begreifendes Publikum liefe alle Bemühung ins Leere. Das erfreulich ...
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Opernwelt Dezember 2018
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Jürgen Otten & Albrecht Thiemann
Natürlich dürfen wir uns Schumanns Faust nicht leibhaftig vorstellen. Als Grübler mit gebeugtem Kopf, zerfurchter Stirn, in fadenscheiniger Kluft. Auch Gretchen ist bei ihm nicht eine Verführte aus Fleisch und Blut, so wenig wie Mephisto ein hölleneifrig-zynischer Tatmensch, der ihren und manch anderen Fall einfädelt. In den Bruchstücken, die Schumann für sein...
Herr Dove, was ist so komisch an Karl Marx?
Der Kontrast zwischen seinem monumentalen Werk und einem chaotischen Privatleben. Marx’ ökonomische Theorien haben die Welt verändert, doch er selbst war unfähig hauszuhalten. Er schrieb über Geld, hatte selber aber selten welches. Und während er sich in der Theorie für die Rechte der Arbeiter einsetzte, wünschte er sich...
Die Choreografin Pina Bausch ist lange nach dem Ende ihrer Karriere als Tänzerin noch zweimal als Schauspielerin aufgetreten: in Boris Blachers Gombrowicz-Oper «Yvonne, Prinzessin von Burgund» als stumme Titelfigur, in Fellinis «Schiff der Träume» als blinde Prinzessin. Die Lautlose kann sich nicht mitteilen; zum Nicht-Sehen-Können gehören die Hilflosigkeit wie das...
