Durchgeknallt
Ein König, der von einem Wurzelgemüse entthront wird. Ein Sexualverbrechen inmitten von Marien-Mystik. Heiner Müller in den Ruinen Europas. Schrille Stoffe, an die sich schon lange niemand mehr traute.
Aber nun hat die Opéra de Lyon Offenbachs «Le Roi Carotte» (1872) heiter eingedampft, das Theater Freiburg Wolf-Ferraris Neapel-Thriller «Der Schmuck der Madonna» (1911) schlüssig aufbereitet und die Oper Zürich Rihms «Hamletmaschine» (1987) wunderwirksam wieder in Betrieb genommen – wobei der Titel «Wiederentdeckung des Jahres» mit knappem Vorsprung an «I giojelli della Madonna» geht.
«Stellt Euch vor! Ein Gemüse auf dem Thron, das gab es noch nie!» Nein, in der Tat, eine Karotte, die schändlich die Macht gegen einen legitimen König ergreift, sich die diesem versprochene Prinzessin unter die Wurzeltriebe reißt und sich die Minister gefügig macht, das kommt sonst selbst im Werk Jacques Offenbachs nicht vor, in dem es ja fast alles gibt. «Le Roi Carotte», aus dem die Eingangszeile stammt, ist überhaupt reich an in der Musiktheatergeschichte unerhörten, beziehungsweise unersehenen Bildern. Um seinen Thron von der üblen Karotte zurückzuerobern, muss der miserabel regierende, aber ...
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Opernwelt Jahrbuch 2016
Rubrik: Wiederentdeckung des Jahres, Seite 36
von Michael Stallknecht
Die Sanierung der Oper und des Schauspielhauses in Köln gleicht einer Tragödie mit unzähligen Akten. Und noch weiß niemand, wie viele noch kommen werden, ein Ende des Dramas ist nicht abzusehen. Wenn das in die Jahre gekommene, von dem Kölner Architekten Wilhelm Riphahn entworfene Nachkriegsensemble am Offenbachplatz erst einmal wiederhergestellt und modernisiert...
Schließlich hatte es auch Wolf-Ferrari erwischt: Wie 1911 die «Berliner Morgenpost» vermeldete, war nun sogar «der zarte und feine Künstler des musikalischen Rokoko unter die Veristen geraten». Über hundert Jahre nach der Uraufführung macht dessen wenig zarte Oper «Der Schmuck der Madonna» erneut Furore: Im Mai 2015 wurde sie in Bratislava auf eher traditionelle...
In Mussorgskys «Chowanschtschina» trat er als eine Masse auf, die «über die ganze Palette vom Volkston über fromme Innigkeit bis hin zu politischer Hysterie» verfügt (OW 4/2016). Brillant, bewegend, virtuos waren auch die Auftritte in «Pique Dame»: Der Chor der Nationale Opera Amsterdam unter der Leitung von Ching-Lien Wu ist «Chor des Jahres».
Auch der Opernchor...
