Doppelbödiger Belcanto
Am Ende löst sich alles in jubelnde Freude auf: «Ach, keiner kann erahnen, / wie glücklich ich bin», singt Amina auf eine hinreißend schwungvolle Melodie zu pulsierender Orchesterbegleitung, die anderen stimmen ein – Aminas Ziehmutter Teresa, ihr Verlobter Elvino, der Conte Rodolfo und der Bauer Alessio sowie der Chor der Landleute. Das Finale von Vincenzo Bellinis «La sonnambula» feiert die Auflösung von Missverständnissen und die Versöhnung des Liebespaars.
In der Neuinszenierung des Werks von Jossi Wieler und Sergio Morabito, die am 22.
Januar 2012 an der Oper Stuttgart Premiere hatte, gibt es kein lieto fine, denn nach dem, was sich zuvor ereignet hat, kann es keines geben. Wie bei Bellini und seinem Textdichter Felice Romani ereignet sich die Geschichte bei Wieler/Morabito in einem kleinen Dorf in den Schweizer Alpen, zeitlich freilich in Richtung unserer Gegenwart versetzt. Die Handlung könnte um 1950 spielen, vielleicht aber auch erst vor ein paar Jahren – in mancher dörflichen Gegend scheint die Zeit und mit ihr das moralische Wertgefüge ihrer Gesellschaft geradezu stehen geblieben zu sein. Das Geschehen ist auf einen Innenraum konzentriert, ein von Anna Viebrock mit ...
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Opernwelt Jahrbuch 2012
Rubrik: Aufführung des Jahres, Seite 10
von Thomas Seedorf
Unsere Erinnerungen, die am tiefsten uns eingeprägten nicht ausgenommen, sind an sich unbewusst…Was wir unseren Charakter nennen, beruht ja auf den Erinnerungsspuren unserer Eindrücke, und zwar sind gerade die Eindrücke, die am stärksten auf uns gewirkt haben, die unserer ersten Jugend, solche, die fast nie bewusst werden.»
Dieses Sigmund-Freud-Zitat, Michael...
Der 19. April 1836 war ein besonderer Tag für das kaiserlichkönigliche Knabenkonvikt in Mailand. In dem vom Adel bevorzugten der beiden humanistischen Gymnasien der Stadt wurde der Geburtstag des Wiener Kaisers mit großer Musik gefeiert. Graf Renato Borromeo hatte eigens eine Festkantate gedichtet. «Questo di gioia è dì» – «Dies ist ein Freudentag; er schenkte dem...
Manfred Trojahn ist auf dem Sprung in die Bretagne, mit Zwischenstopp in Paris, wo er eine Wohnung hat. Er empfängt im großzügigen Salon. Seine Komponierklause ist gleich nebenan, und er versteht sie keineswegs als geweihten Ort oder Sperrgebiet für Neugierige. Es ist einfach bequemer so. Er wirkt auch nicht wie ein Asket, der sich der eisernen Disziplin eines...
