Die zerbrechliche, gefährdete Form
«Zu behaupten, dass man heute Musik schreiben kann, die nicht den Zustand von Verheerung widerspiegelt, dem die Menschen im Spätkapitalismus unterworfen sind, heißt, Musik mit Scheuklappen schreiben, um es vorsichtig zu sagen», bemerkte Hans Werner Henze 1969 in «Musik ist nolens volens politisch». Später freilich relativierte er diese Behauptung, doch die grundsätzliche Frage nach der Funktion von Kunst in verheerenden Zeiten, wodurch auch immer, bleibt.
Ist Kunst nur dann «schön», wenn sie wahr ist? Kann pure Schönheit niemals wahr sein, auch wenn sie nicht bloß als ästhetischer Überbau, als L’art pour l’art sich definiert? Was ist Wahrheit? Was Schönheit? Umgekehrt: Soll «schöne» Kunst über die Wahrheit hinwegtrösten, sie nostalgisch wegspiegeln?
Nostalgie ist ja, wie ein kluger Mensch bemerkte, die Trauer darüber, dass nichts mehr so ist, wie es früher nicht gewesen ist. Aribert Reimann greift diese Problematik in dem aus von ihm in eine dramaturgische Abfolge gebrachten und für Sopran und Streichquartett bearbeiteten Heine-Liedern Mendelssohns «... oder soll es Tod bedeuten» (1996) auf: Er dringt in die Tiefe seelischer Befindlichkeiten und lässt dabei jene Verheerungen ...
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Detlev Glanerts neue Oper «Caligula» will nicht nur ins Innerste treffen – sie kommt auch daher. Zumindest war das der aufregende Plan des Komponisten: dass alle Klänge in Kopf und Körper eines verzweifelten, halb wahnsinnigen Menschen entstehen. Dass sie ihn innerlich balsamieren wie ein letztes Erinnern an Schönheit oder ihm unerträgliche Schmerzen bereiten –...
Er hat es schon eine Nummer kleiner probiert. 1992 zum Beispiel, als er für acht Tage Frontleute aus Klassik und Pop zusammenholte. Gidon Kremer und Philip Glass, Laurie Anderson und Lou Reed spielten damals im Münchner Gasteig auf. Das «Art Projekt» entzückte alle, die beteiligten Musiker, das Publikum, die Rezensenten. Bloß den Produzenten «brachte es fast um»....
Das Faszinierende an Venedigs Musikgeschichte ist ihre Jahrhunderte überspannende Vielfalt. Es beginnt mit Vokalpolyphonie der Renaissance und reicht, mit nur wenigen Unterbrechungen, bis ins Heute. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte das Teatro La Fenice ein Jahrzehnt wichtiger Uraufführungen: Strawinskys «The Rake’s Progress» (1951), Brittens «The Turn of the...
