Die unerträgliche Geschmeidigkeit des Seins
Shibuya Crossing, an einem milden Februar-Abend. Wenn die Fußgängerampeln Grün zeigen, ist von den strahlendweißen Zebrastreifen, die Tokios berühmteste Straßenkreuzung zieren, nichts mehr zu sehen. Aus allen Richtungen ergießen sich gigantische Menschenwellen auf den Asphalt. Sie strömen an den Rändern des von trendigen Shopping Malls, von Wolkenkratzern und Hochbahntrassen umstellten Quadrats, wogen kreuz und quer, schwappen in der Mitte zusammen und sind im Nu wieder verlaufen. Kaum hat der motorisierte Verkehr freie Fahrt, staut sich auf den Gehwegen der nächste Körper-Tsunami.
Organisiertes Chaos im Zwei-Minutenrhythmus. Was da pausenlos aufgeführt wird, ist ein streng getaktetes Live-Spektakel, eine Art spontanes Mitmach-Theater für alle, das sich immer wieder neu formiert. Und ein geschmeidiges Massenschauspiel, über das Besucher aus Europa nur staunen können.
Selbst in höchster Verdichtung gehen die Seitenwechsel ohne Rempler und Geschiebe ab. Als sei jede Bewegung von einem inneren Kompass gesteuert, der Kollisionen ausschließt. Gerade im hochfrequentierten öffentlichen Raum ist, so scheint es, die Sphäre des Einzelnen unantastbar. Umsicht, Rücksicht, Weitsicht – das ...
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Opernwelt April 2019
Rubrik: Reportage, Seite 48
von Albrecht Thiemann
Keine Menschenseele war zu sehen, damals, am Krasny-Prospekt, nachts um halb eins. Wäre auch Irrsinn gewesen, bei atemraubenden minus 35 Grad Celsius. Dann doch lieber das Gegenteil: gefühlte 35 Grad plus, wie sie im Innern des prächtigen, völlig überheizten Opernhauses von Novosibirsk herrschten, wo ohnehin die bessere Sause lief: Sektkorken knallten, Wodka wurde...
60. Jahrgang, Nr 4
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Gewagtes Bild. Gemalt hat dieses Porträt, das in der Dresdner Gemäldegalerie hängt und den Titel «Die Gambenspielerin» trägt, um 1640 Bernardo Strozzi, ein venezianischer Künstler, für den auch Monteverdi Modell stand. Es zeigt eine junge Frau mit ernst-traurigem Blick, einem Rosenzweig im Haar, die Gambe samt Bogen in der Linken, den rechten Arm lässig auf ein...
