Die Macht und das Mädchen
Im Anfang ist die wortlose Wollust. Aber sie ist, trotz der versöhnlich dahinströmenden Klänge im Graben, falsch: einseitig, dominant, unnachgiebig. Ein alter Mann beugt sich an einem schlichten Küchentisch über eine viel zu junge, nur mit einer bordeauxroten Bluse bekleidete Frau, bügelt die Wehrlose brachial platt, spreizt ihre Beine und dringt mechanisch auf sie ein.
Bevor es jedoch zum Schlimmsten kommt, betritt ein zweites weibliches Geschöpf, dem ersten verdächtig ähnlich, allerdings in schwarzen Jeans, weißer Bluse und grauem, bis über die Knie reichenden Kapuzenmantel den Raum, fläzt sich störrisch in einen modernen Drehsessel und unterbricht so das gespenstische Tête-à-Tête. Der Alte, in dem wir Johannas Vater erkennen, wendet sich vom Objekt seiner sinistren Begierde ab, das Mädchen verschwindet. Musik.
Mit diesem Entrée entblättert Lotte de Beer am Theater an der Wien sogleich ihre grundsätzliche Idee von jenem Stück, das bis heute ein Schattendasein fristet unter Tschaikowskys Bühnenwerken. Als eine epische Oper aus dem Geist der französischen Grand Opéra wollte der Komponist seine Adaption von Schillers Drama «Die Jungfrau von Orleans» verstanden wissen; zwei Jahre ...
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Opernwelt Mai 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Jürgen Otten
«Ein Schiff wird kommen», sang weiland Lale Andersen in Sehnsucht nach dem einen, «den ich so lieb’ wie keinen». Einen solchen erträumt sich ja auch Senta in Wagners «Fliegendem Holländer»; in Aron Stiehls Inszenierung an der Wiener Volksoper kommt er allerdings ohne Schiff, dafür quasi als Wiedergänger von Caspar David Friedrichs Wanderer. Man sieht ihn bereits...
Diese späte Oper gehörte lange nicht zum Kanon seiner Hauptwerke für die Bühne: «La clemenza di Tito». Selbst in den Mozart-Hochburgen Salzburg und Glyndebourne blieb sie hartnäckig ausgeblendet. Die erste Studioaufnahme entstand erst 1967 unter István Kertész (Decca). Eine jetzt erstmals publizierte Rundfunkproduktion der BBC von 1956 darf man unter diesen...
Wolfgang Rihms «Jakob Lenz» hat in Frankreich gerade Konjunktur. Zwei Monate vor dem Festival in Aix-en-Provence, bei dem Andrea Breth ihre Stuttgarter Deutung erneut vorlegen wird (am Pult: Ingo Metzmacher), war das Stück nun bereits im Pariser Théâtre de l’Athénée zu erleben, das sich unter der Leitung seines Direktors Patrice Martinet seit Jahren verstärkt dem...
