Die Kunst des Timings

Das «Ring»-Abenteuer in Essen startet fulminant: «Das Rheingold», gedeutet von Stefan Soltesz und Tilman Knabe

Opernwelt - Logo

Mucksmäuschenstille. Noch ist nichts zu hören. Orchesterschweigen. Umso mehr ist zu sehen. Rechts, im Spelunkenlicht, steht Donner, eng umschlungen, kussintensiv. Wer die Dame wohl sein mag? Erst später wird sich herausstellen: Die Dame ist ein Herr und heißt Froh. Unterdessen wartet am linken Bühnenrand jemand mit Plastiktüte. Ein Beobachter. Ein stummer Geist. Rein äußerlich: Typ Edmund Stoiber im hellen Trenchcoat. Erst nach vierzig Minuten wird Loge erstmals den Mund aufmachen. Über ihm steht, Eva-gleich, Freia unter einem Apfelbaum und stiert lüstern auf eine der Früchte.

Im Zimmer nebenan fläzt sich Wotan auf einer Matratze, umgeben von drei freizügigen Rheintöchtern. Auf dem Podest über ihm hat sich, neutralisierte Autorität, Gattin Fricka in einen Aktenordner vertieft. Erst jetzt, nachdem sich der Zuschauer einen flüchtigen Überblick hat verschaffen können, setzt das Orchester ein. Die bis dato in starre Gesten gebannten Figuren beginnen sich zu regen.
So stellt sich die Situation am Beginn des «Rheingold» am Essener Aalto-Theater dar. Tilman Knabe hat inszeniert, und am Ende der Aufführung fragt man sich ernsthaft, wie es unter seiner Regie mit «Walküre» und den übrigen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2009
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Christoph Vratz

Vergriffen
Weitere Beiträge
Mosebachs Monologe

Seit einiger Zeit schon passen Theatermachern die Texte von Beethovens «Leonore»/«Fi­delio» nicht mehr so recht ins Konzept. Mit dem Hohelied auf Ehe und Familie im Gefängnishof können sie so wenig anfangen wie mit dem Gottvertrauen des politischen Gefangenen im finsteren Verlies. Das Jubelkantaten-Finale erscheint gar als Zumutung – es wird gern als konzertanter...

Die Verwandlung der Welt durch Liebe

Im Westen kennt man Nikolai Rimsky-Korsakow als fantasievollen musikalischen Märchenerzähler durch seine sinfonische Suite «Scheherazade». Man rühmt ihn als glänzenden Koloristen in viel gespielten Orchesterwerken wie dem «Capriccio espagnol» oder der Ouvertüre «Russische Ostern». Und man kennt den in zahllosen Transskriptionen verbreiteten «Hummelflug». Die...

Den Menschen etwas geben durch die Kunst

Bis ins hohe Alter hinein ging etwas Königlich-Heroinenhaftes von ihr aus, und doch war Christel Goltz die liebenswerteste und gastfreundlichste Gesprächspartnerin, die man sich denken kann. Immer bereit, aus ihrem künstlerischen wie menschlichen Erfahrungsschatz zu schöpfen, das Resümee einer wunderbaren Karriere weiterzugeben an eine nachfolgende Generation. Ob...