Deutschstunde

Die Hölle sind wir: Tatjana Gürbaca zeichnet mit dem «Freischütz» in Essen ein düsteres Bild der Kulturnation. Tomáš Netopil dirigert Webers Oper als Kammerstück

Opernwelt - Logo

Wer tief in die deutsche Seele blicken will, muss bei Mitternacht in die Wolfsschlucht. Jenes vermeintlich schicksalsschwere c-Moll-Gebiet, dessen Konturen erst sichtbar werden, nachdem sich der fis-Moll-Nebel verzogen hat und Samiel auf den Plan tritt.

An diesem schauderhaften Ort samt seiner meteorologischen Unmöglichkeit (zwei Gewitter zucken gleichzeitig aus entgegengesetzten Richtungen) zeigt sich inmitten von Eulen, Raben, Adlerflügeln, Gießkelle und Totenköpfen der Hang der Nation zum bleiern beschwerten Aber- und Geisterglauben, ihr Verfangensein in einer durch grimmige Metaphysik erweiterten Romantik, die das Eigene im Grunde nicht (an-)erkennen will und deswegen das Andere verfemt; es offenbart sich das wahre deutsche Wesen, an dem niemand je genesen wird. Der Abgrund menschlicher Verfehlung.

Tatjana Gürbaca weist uns den Weg in diesen Abgrund. Mit der Pointe, dass er schon existiert seit Beginn der Oper und auch kein Ort zum Fürchten ist. Sondern, metaphorisch gesprochen, eine Schule, von Bühnenbildner Klaus Grünberg matt ausgeleuchtet. Vor einem Rundhorizont stehen die Fassaden giebelbedachter Schieferhäuser. Sie sind beschrieben wie Tafeln in einem Klassenzimmer. Aus ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Laboratorium der Gefühle

Er hat es geschafft, wieder einmal. In einem unmöglichen, halb verunglückten, krausen Kunstwerk den zeitlos gültigen Kern freizulegen. Zu jenen verborgenen Kräften vorzudringen, die von Anbeginn die menschliche Existenz befeuern – im Guten wie im Schlechten. Liebe und Hass, mit allen Zwischentönen – das ist das große, nie erledigte Thema, dem sich Christof Loy...

Unstillbares Begehren

Dass Rossinis später «Comte Ory» mehr ist als eine Zweitverwertung der Noten für «Il viaggio a Reims», nämlich eine ingeniös eigenständige, sehr speziell französisch-italienische opéra-comique, hat sich herumgesprochen. Und dass es hier inhaltlich mehr zu erzählen gibt als eine Fraueneroberungsklamotte aus der Kreuzzugszeit, verspricht Denis Podalydès’ zuerst in...

Schumann und die Folgen

Die Texte aus Heines «Lyrischem Intermezzo» haben nicht nur Robert Schumann zu außerordentlichen Liedkompositionen inspiriert. Das gilt nicht zuletzt für die 16 Nummern seines berühmtesten Zyklus, der «Dichterliebe». Und einzelne Alternativfassungen weckten durchaus das Interesse hochmögender Interpreten: So nahm Dietrich Fischer-Dieskau (mit Michael Ponti am...