Chiaroscuro
In tiefem Dunkel liegt der Raum. Vorn schneidet eine ovale Deckenleuchte eine Höhle aus Licht in die Finsternis. Kalter Glanz fällt auf starre Schwingen, matte Glieder und gefiederte Gelenke, achtlos gehäuft: Mehr ahnt man die Vogelleichen, als das man sie erkennt. Aus dem Hügel ragt, blendend weiß, eine Menschenhand hervor.
Von hinten schiebt sich eine Phalanx nackter Gestalten heran. Man wollt’ sie Frauen nennen, die «Macbeth»-Hexen – trügen nicht die Weiber beachtliches Gemächt, die Männer Venushügel.
In Barrie Koskys Inszenierungen gehören Gender-Spiele zum gewohnten Inventar, doch hier sind sie mehr als eine Masche. Tier um Tier tragen die Statisten (der Chor bleibt unsichtbar) den Rabenberg ab, bis sie Macbeth freigelegt haben. Er steht auf, Haar und Bart wild zerzaust. Dazu trägt er einen schwarzen Mantel, bodenlang, mit Flügelärmeln, so dass im steilen Schein der Lampe wie in einem Rembrandt-Porträt nur Gesicht und Hände hervortreten. Ihn und Banquo umzingeln die Zwitterwesen, die ein Projektor mit Lichtflecken besprüht, bis die Grenzen der einzelnen Leiber völlig verschwimmen. Finger flattern wie Insekten. Schier ertrinken die beiden Krieger im Geschwirr, schnappen nach ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Wiebke Roloff
Konventionell und langweilig ist es geworden, das Opernleben in Moskau. Daran können weder die wenigen gelungenen Inszenierungen (Georgij Issaakjans «Schlaues Füchslein» im Kindermusiktheater und «La Bohème» in der Neuen Oper), noch hervorragende vokale Leistungen (Nadja Michael als Katherina Ismailowa im Bolschoi Theater) oder Ausgrabungen (Martinus «Ariane» im...
Im alten Japan war Weiß die Farbe des Todes und der Trauer. Bei Romeo Castelluccis neuester Kunstanstrengung, die sich an die Inszenierung von Bachs «Matthäus-Passion» wagt, erinnert das allgegenwärtige Weiß weniger an buddhistische Trauerrituale als vielmehr an jenes Weiß, das in Galerien und Museen als Hintergrund der Präsentation von (zeitgenössischer) Kunst...
Was ist eine Abenddämmerung im Frühling anderes als eine Vielzahl unvollendeter Geschichten?» Selten hat ein Dichter die Verwirrung des Geistes durch die Gleichzeitigkeit der Ereignisse und die Melancholie des Unvollendeten so poetisch-treffend beschrieben wie Bruno Schulz, der Autor und Maler aus dem ostgalizischen Drohobycz. In seinem Buch «Die Zimtläden», das...
