Berlioz und Goethe

David Marton und Kazushi Ono leuchten an der Opéra de Lyon «La Damnation de Faust» aus

Opernwelt - Logo

Steht da Willy Loman auf der Straßenbrücke, dicht an der Bruchkante? Der traurige Held aus Arthur Millers Nachkriegsdrama «Death of a Salesman»? Die Garderobe passt: weißes Hemd, brauner Anzug, Hut im Stil der 50er-Jahre (Kostüme: Pola Kardum).

Stumm schaut er von der notdürftig gesicherten Bauruine auf die Menge herab, die in die sandige Brache drängt: eine nature morte mit Bergsilhouette, Leinwand, einem alten Peugeot Pickup, roten Vorhängen und lebendem Schimmel, der zusammenzuckt, als der Chor der Opéra de Lyon im Oster-Bild das dreimalige «Hosanna!» schmettert (Bühne: Christian Friedländer). Bevor Willy alias Faust seine Auftrittsarie («Le vieil hiver») anstimmt, deklamieren die Choristen in scharf geschnittener Diktion: «Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen / Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, / Wenn hinten, weit in der Türkei, / die Völker aufeinander schlagen.» Goethe, «Faust», erster Teil, zweite Szene: eine (Bürger-)Stimme aus dem Volk.

Natürlich stützt David Marton sich bei den eingeschobenen Sprechtexten, wie Berlioz für das Libretto von «La Damnation de Faust», auf die französische Übersetzung Gérard de Nervals. Die zeitlose Aktualität der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Albrecht Thiemann

Weitere Beiträge
Zurück in die Komfortzone

Im internen Ranking der Verdi-Opern nach Aufführungshäufigkeit steht «Macbeth» nicht ganz oben. Die letzte Neuproduktion der Wiener Staatsoper vor jener heiß umstrittenen durch Vera Nemirova im Dezember 2009 stammte aus dem Jahr 1982. Und jetzt, nach bloß sechs Jahren (und knappen fünf unter Dominique Meyer) bereits wieder eine Neuinszenierung. Warum? Weil die der...

Tagträume, ausgelebt

Kleiner als im Mittelsächsischen Theater Freiberg, einem der ältesten noch bestehenden Stadttheater Deutschlands (1791), geht’s kaum. Das Puppenstubentheater in der historischen Freiberger Altstadt mit einer Bühne von 10 mal 12 Metern und einem Orchestergraben, in den gerade mal 44 Musiker passen, bietet ganzen 294 Zuschauern Platz. Trotzdem ist hier nicht...

Editorial

Als Bodo Ramelow, Thüringens prominentester Linker, noch Oppositionspolitik im Erfurter Landtag machte, wollte er von einer Theaterehe zwischen der Kulturhauptstadt und der Landeshauptstadt nichts wissen. «Es hilft uns nicht weiter, wenn wir aus den Theatern in Erfurt und Weimar eins machen», erklärte er vor neun Jahren. Und den erfolgreichen Wahlkampf, der ihm...