Bars, Bordelle, Boxkampfhallen

Weill: Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny London / Royal Opera House

Opernwelt - Logo

Es gibt am Premierenabend keinen Aufstand im Royal Opera House. Selbst als während der vorletzten Vorstellung der «Mahagonny»-Inszenierung von John Fulljames ein Kabelbrand an Covent Garden die Lichter löscht und im Opernhaus das Catering lahmlegt, beschwert sich niemand: Die schöne Ironie, die darin liegt, dass es zu einer Show über Whiskey bloß Leitungswasser gibt, wissen Kenner durchaus zu würdigen. Um London nachhaltig zu schockieren, braucht es ohnehin mehr als deftige Schimpfwörter, wie sie in Jeremy Sams kluger (auch komischer, und trauriger) Übersetzung auftauchen.

Auch dass Anne Sofie von Otter – eine Flasche Schnaps zwischen den Beinen – so tut, als pinkele sie auf Kurt Streit herab, kräuselt kaum eine Stirn: Der despektierliche Umgang mit Jimmys Leiche passt schließlich zu Leokadja Begbick.

Bühnenbildner Es Devlin lässt Brechts und Weills monströses Mahagonny aus einem liegengebliebenen Schwertransporter entstehen. Als die Sex- und Lohnarbeiter eintreffen, stapeln sich die Frachtcontainer schon zwölf Stockwerke hoch, die Seitenwände abgeschält. Ein wahrer Kaninchenbau aus Bars, Bordellen, Boxkampfhallen. Mahagonnys Gesetze sind Ungesetze, wie jeder weiß, die Regeln nicht ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2015
Rubrik: Panorama, Seite 44
von Anna Picard

Weitere Beiträge
Fantastik, Groteske, Poesie

Ein musikalischer Senkrechtstarter! Darüber war man sich 1964 in Budapest bei der Uraufführung von Sándor Szokolays «Bluthochzeit» («Vérnász») einig. In Ungarn wurde das Werk in der Tat alsbald zum Repertoirestück, brachte es allein in den ersten fünf Jahren auf mehr als 50 Reprisen. Aber der Höhenflug dieser ersten Oper des jungen Komponisten beschränkte sich auf...

Masse und Wahn

Die Buhrufe am Ende des Premierenabends bleiben unverständlich. Vergessen offenbar, dass die Berliner Staatsoper und ihr Publikum dem Russen Dmitri Tcherniakov so glänzende Inszenierungen wie Rimsky-Korsakows «Zarenbraut» oder Prokofjews «Spieler» verdanken. Berlins Wagnerianer zielten mit dem Protest gewiss auf den Regisseur, aber auch auf den Dirigenten – just...

Tagessieg

Das Neue altert schnell. Dennoch muss man vorsichtig sein, wenn man in einer Stadt wie Lüneburg einen Komponisten wie Paul Hindemith präsentiert, der einst als Bürgerschreck galt. «Neues vom Tage» hatte schon 1929 keinen nachhaltigen Erfolg – obwohl bei der Uraufführung Otto Klemperer am Pult stand. 1953 arbeitete Hindemith das Stück um, aber selbst eine englische...