Auf den zweiten Blick
Bellinis «Puritaner», Stuttgart 2016: Historische Imagerie
Wieler/Morabito entfesseln auf Anna Viebrocks genial verschachtelter Szene – einer ruinösen, jetzt als Versammlungsraum, aber auch als Abstellschuppen genutzten Kirche – eine präzis konnotierte, bis ins Letzte ausgefeilte Bilderflut, die das verschachtelte Ineinander von historischem Rahmen und individuellem Schicksal ironisch bricht und zugleich mit Bedeutung auflädt.
Geschichte – um den dramaturgischen Meisterdenker Morabito zu zitieren – ist hier «historische Imagerie», erfundene, weil spielerisch aufgegriffene und verfremdete Wirklichkeit. Enrichetta und der wie ein Gockel in Samt, Seide und Federhut stolzierende Arturo treten auf, als wären sie den an der Wand gestapelten Gemälden des englischen Hofmalers Anthonis van Dyck entsprungen. Aber nicht weniger irreal – theatralisch eben – wirken die asketisch schmucklosen Puritaner, die Frauen im Schürzenkleid und züchtigen Kopfhäubchen, die Männer mit Gesangbüchern bewaffnet, die sie nicht aus der Hand legen.
(OW 9-10/2016)
Wagners «Tristan und Isolde», Bayreuth 2005: Schichten abgelegter Zeiten
Natürlich sind Marthaler und Viebrock virtuose Arrangeure des Scheiterns, des ...
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Opernwelt Jahrbuch 2016
Rubrik: Bühne und Kostüme des Jahres, Seite 18
von
Ende 1910 machen sich der Norweger Roald Amundsen und der Brite Robert Scott auf, den Südpol zu entdecken. Beide werden ihn erreichen, mehr als ein Jahr später, der Norweger als Erster, der Brite als Zweiter. Scott und sein gesamtes Team kommen auf dem Rückweg um. In der Geschichte der Entdecker, der Expeditionen und der großen Abenteuer ist der Kampf um den Südpol...
Eigentlich haben sie in der vergangenen Saison nur das getan, was sie immer tun. Genau hingeschaut. Sich tief in Stücke und Stoffe versenkt, in Geschichten und Figuren. Alle Kraft für «ihre» Künstler, für «ihr» Theater reserviert. Doch diesmal ist Intendant Jossi Wieler und Chefdramaturg Sergio Morabito eine Saison geglückt, die noch lange nachhallen dürfte. Nicht...
Was hier Mensch ist und was Tier, wer Mann und wer Frau, bleibt in dämonischem Dunkel. Normales Maß gilt nicht mehr in dieser Todeslandschaft. «Kalter Glanz» fällt auf «Vogelleichen», aus deren Grabhügel ragt «eine Menschenhand». Barrie Kosky und Teodor Currentzis gelang in Zürich ein im Wortsinn atemraubender «Macbeth» (OW 6/2016).
Eine exemplarische Produktion:...
