Auf dem Sprung
Aufreizend rot locken Seidenkleidchen und Lippen, die schwarzen Haare sind hochgesteckt. Doch wer hier im Carmen-Outfit einherstöckelt, ist die Nebenbuhlerin: Micaëla unternimmt einen der letzten Versuche, ihren Sergeanten herumzubekommen. Als Klischee-Zitat aus dem guten alten Spanien. Doch nicht das Imitat lässt bei Don José die Säfte steigen, sondern eine billige Diseuse. Rissig sind ihre Strümpfe, die Habanera wird lässig verschliffen, überhaupt ist ihr drastischer, glanzloser Gesang denkbar weit entfernt vom landläufigen Mezzo-Gegurre.
Kerstin Descher führt lustvoll eine Anti-Carmen vor. Eine Heruntergekommene, die mit den Insignien dieser noblen Festgesellschaft ihr blasphemisches Spiel treibt: Zum Entsetzen aller küsst sie ein Porträt Francos.
Womöglich ist dies ja eine der letzten Feiern alter Zeitrechnung. Regisseur Lorenzo Fioroni hat Bizets Hit am Theater Augsburg in die Endzeit der spanischen Diktatur verpflanzt. Von draußen tönen Trommeln und Rufe herein, ein Sturm reißt die Fensterläden fast aus den Scharnieren. Und drinnen, im Einheitsraum von Bühnenbildner Paul Zoller, sitzen fein Herausgeputzte an schön gedeckten Tafeln, die mit Argwohn betrachten, welch derbe ...
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Opernwelt Dezember 2011
Rubrik: Panorama, Seite 41
von Markus Thiel
Man muss noch mal daran erinnern: Als Uwe-Eric Laufenberg ins Intendantenzimmer der Oper Köln einzog, übernahm er ein heruntergewirtschaftetes, baufälliges, künstlerisch profilloses Haus. Dass er in kürzester Zeit und unter den Bedingungen zweier Umbauspielzeiten nicht nur das Kölner Publikum zurückgewonnen, sondern auch den überregionalen Ruf des Hauses...
Die größte Ehre kommt noch. Wie am Rande der Verleihung des Birgit-Nilsson-Preises in Stockholm bekannt wurde, wird die schwedische Sopranistin auf dem neuen 500-Kronen-Geldschein ihres Heimatlandes verewigt, demnächst. Damit dürfte sie die Sängerin mit der größten Häufigkeit im Portemonnaie ihrer Landsleute sein. Sie hätte gelacht darüber. Und Grund gehabt.
Denn...
Ich ist ein anderer. Das gilt nicht erst seit der Romantik. Die Beobachtung hat schon immer zur Kunst geführt. Als Aufschrei, als Staunen, als Sehnsucht. Auch in der Musik natürlich. Und auf der Bühne. Wobei das Sängerleben einer doppelten Perspektive folgt: Wer seine Stimme gefunden hat, hat seine Identität gefunden.
Eines bedingt das andere. Und beides braucht...
