Auch Körper können lügen
Seit vielen Jahren wird Verdis «Maskenball» vor allem als «politisches» Stück inszeniert. Doch dass in der (von der Zensur kassierten) Urfassung des Librettos der Schwedenkönig Gustav III. ermordet wird, ist für die Handlung eigentlich ohne Belang. In Dresden griff man nun auf die Fassung der Uraufführung (Rom, 1859) zurück, die das Geschehen nach Amerika verlegt. Allerdings könnte die auffällige Weichheit, die «feminine» Sensibilität, die Riccardo in Elisabeth Stöpplers Inszenierung auszeichnet, durchaus als Anspielung auf den bekanntermaßen homosexuellen Gustav III.
verstanden werden. Das Verhältnis des Grafen zu Amelia, der Frau seines Freundes Renato, ist jedenfalls, trotz aller Liebesschwüre, rein platonisch, zudem belastet von Skrupeln.
Stöppler zeichnet Riccardo als sexuell ambivalente Figur – schwarzes Abendkleid, geschminkte Augen. Um ihn her herrscht nicht erst im dritten Akt, sondern von Anfang an «Maskenball»: Alle sollen sein dürfen, was sie sein wollen, damit er sein kann, was er ist. Noch zwei andere können nicht aus ihrer Haut und also nicht aus ihren Kleidern: Amelia und Renato, das prototypische bürgerliche Paar – schon in Verdis Originalversion kontrastiert ihr ...
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Opernwelt November 2011
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Ingo Dorfmüller
Am 18. Februar 2012 wird es zehn Jahre her sein, dass sich auf der Bühne der Met eine «Audrey Hepburn mit Stimme» vorstellte: die damals 31-jährige Anna Netrebko in der Rolle der Natascha in Sergej Prokofjews «Krieg und Frieden». Zur Vorfeier dieses «Jubiläums» präsentiert sich die schöne Russin, inzwischen unter den Berühmten die Berühmteste, mit einem Album «Live...
Nichts von Natur. Keine neblige Ahnung des Unheimlichen. Die Basler «Wozzeck»-Bühne von Silvia Merlo und Ulf Stengl ist ein klinisch weißes Gebäude, über Eck positioniert, das eine geschlossene Anstalt sein könnte. Stahltreppen, blinde Fenster, keine Tür, kein Ein und Aus, kein Entkommen. Die – hinzuzudenkenden – Räume: keine eindeutigen Hinweise, keine Auskunft,...
Die Entstehungsgeschichten von «Krieg und Frieden» als Roman und als Oper weisen verblüffende Parallelen auf. Als Tolstoi begann, schwebte ihm eine Familienchronik mit Happy End vor. Die Dynamik jener historischen Periode, in der er das Geschehen ansiedeln wollte, führte aber zur allmählichen Weitung der Perspektive aufs große Ganze: Napoleons Russlandfeldzug, der...
