Archaik und Wissenschaft
In Bonn stehen Oper und Schauspiel unter scharfem Sparbeschuss des SPD-Oberbürgermeisters. Mit seiner Weigerung einer Vertragsverlängerung wirkt Generalintendant Klaus Weise jedenfalls nicht wie ein Schlafwandler, sondern wie ein klar denkender Prinzipal, der sein Haus lieber nach guter Arbeit mit erhobenem Haupt verlässt, statt später die Scherben zusammenkehren zu müssen. So wirkt diese «Sonnambula» wie eine Erinnerung an die fetten Jahre unter dem Opernintendanten Jean-Claude Riber, als Geld keine Rolle spielte und die glanzvollsten Stars in der damaligen Bundeshauptstadt gastierten.
Weil aber Klaus Weise sich mehr für Aufbau und Pflege eines fähigen Hausensembles interessiert als für den internationalen Sänger- und Agentenzirkus, kann er jetzt größtenteils auf eigene, junge Kräfte zurückgreifen. Julia Novikova legt die Schlafwandlerin Amina als psychisch labile, verletzliche Kindfrau an – mit wunderbarer Piano-Intensität und schön geführten Koloraturen, denen mit ihren isolierten Spitzentönen und allzu vorsichtigen Bögen vielleicht noch die letzte Souveränität fehlt. Agiler und im dramatischen Ausdruck beherzter geht Emiliya Ivanova als Aminas Gegenspielerin Lisa an die Rampe, ...
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Opernwelt September/Oktober 2011
Rubrik: Panorama, Seite 66
von Michael Struck-Schloen
Als Ludwig XIV. ab 1661 ein altes Jagdschloss seines Vaters in eher sumpfig-fiebrigem Gelände zur Residenz ausbauen ließ, hatte das zwei Gründe. Er wollte, fern von Paris, den aufständischen Adel domestizieren, den er an den neuen Hof band. Und er wollte sich eine Kulisse seiner Herrschaft schaffen, die seinen Ruhm inszenieren, spiegeln, steigern und vor allem...
Seit Peter Gelb vor fünf Jahren die Leitung der Metropolitan Opera übernommen hat, ist dort auf szenischem Gebiet eine vorsichtige Annäherung an die Standards des europäischen Musiktheaters zu konstatieren. «Vorsichtig» bedeutet: Die Inszenierungen begnügen sich nicht damit, den auftretenden Sänger-Stars einen dekorativen Rahmen zu bieten, wagen die Stücke...
Er muss ein verrückter Vogel gewesen sein, der Kontrabass-Virtuose, Dirigent und Komponist Giovanni Bottesini (1821–1889), der auf seinem Instrument schon in jungen Jahren mit dem Geiger Paganini verglichen wurde und bei seinen Auftritten ein ebensolches Fieber hervorrief wie dieser oder zeitgleich Liszt als Pianist. Unermüdlich reiste er durch die halbe Welt,...
