Angeschliffen
Eine Neuproduktion von «Lucrezia Borgia» gibt es nicht alle Tage. Auch an der National Opera in
Washington wäre das Stück wohl kaum in Erwägung gezogen worden, wenn Renée Fleming nicht zugesagt hätte, die Titelpartie zu übernehmen. Vor zehn Jahren hat die Sopranistin diese Lucrezia schon einmal gesungen, an der Scala – und wurde dort von den berüchtigten loggionisti ausgebuht.
In einem Interview bekannte sie kürzlich, dass sie die ungehobelte Ablehnung inzwischen als «Ehrenzeichen» betrachte und sich nun «wieder aufs Pferd schwingen» wolle, um ihr Recht auf Lucrezia zu bekräftigen.
Nun zeigte sich Renée Fleming entschlossen, einige ihrer Manierismen unter Kontrolle zu halten, zumal in der Arie «Com’ è bello» im ersten Akt, der sie eine ruhige, schlichte Aura gab – ein Stück echter Belcanto-Kunst. Trotzdem waren angeschliffene Töne und Intonationsprobleme, auch manche Probleme mit dem tiefen Register, im Laufe des Abends nicht zu überhören, besonders wenn Fleming die Zügel etwas schießen zu lassen und instinktiv zu agieren schien.
Wie die meisten Häuser, die «Lucrezia Borgia» herausbringen, präsentierte die National Opera in Washington eine Mischung jener beiden Fassungen, die der ...
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