Mal ehrlich Juni 2018
So lange ich denken kann, hat mir der eiserne Grundsatz gute Dienste geleistet: auf Tour nie bei Verwandten wohnen! Nicht, dass ich was gegen die Familie hätte. Es ist bloß so: Wer nicht selbst ein Musikerleben lebt, hat von unserm Tun und Treiben nur eine vage Vorstellung, weiß kaum, was der Job erfordert. Unschuldigen Zivilisten den Künstler-Rhythmus aufzwingen, die ausgefallenen Schlafenszeiten, die Essgewohnheiten? Nein, danke. Mal ehrlich, wenn sich ein Sänger eine eigene Bleibe mietet, ist das Leben für alle entspannter.
Für Proben in Glasgow habe ich mit dieser Regel allerdings gebrochen. Hier residiert die letzte mir noch verbliebene Tante. 81 Jahre ist sie alt, seit Kurzem Witwe. Sie denken an Kaffee und Kuchen, an Puzzles und Pendeluhren? Weit gefehlt. Tantiges hat meine Tante rein gar nichts an sich. Ich liebe Dodo – und Dodo liebt den Wein. So groß ist diese Liebe, dass sie einst sogar einen landesweiten Sommelier-Wettbewerb gewonnen hat. Wenn ich spätabends von der Probe komme, wartet sie mit dem Korkenzieher im Anschlag. Köpft Vintage-Champagner, dekantiert feinen Bordeaux, sagt: «Wir haben heute noch was Wichtiges vor. Hol du schon mal den Käse aus der Küche: Ich habe ...
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Opernwelt Juni 2018
Rubrik: Aus dem Leben eines Taugenichts, Seite 71
von Christopher Gillett
Dass an Finanzbeamten auch Gutes sein kann, suggeriert schon das Neue Testament. Denn «Zöllner» Zachäus, ein die Juden im Namen Roms ausblutender Steuereintreiber, erlebt nach Lukas 19, 1-10 seine Metanoia und verschenkt die Hälfte des Besitzes an die Armen. Und auch der Pariser Steuerpächter Le Riche de La Pouplinière übte Wohltätigkeit: Zwar gab er nicht gleich...
JUBILARE
Gwynne Howell stammt aus Wales. Seine Gesangsausbildung absolvierte er am Royal Northern College of Music. Nach seinem Debüt 1968 an der Sadler’s Wells Opera wechselte er 1970 ans Londoner Royal Opera House, wo er nahezu alle großen Basspartien sang und vor allem als Verdi- und Wagnerinterpret gefeiert wurde. Howell war regelmäßiger Gast an der English...
Das Lob des Herrn hat viele Gesichter. Es kann demütig sein, erhaben frohlockend, schlicht-eingängig. Aber es kann auch so sein wie hier: überschäumend, vital, ja beinahe ausgelassen. Antonio Vivaldis «Gloria», mit großer Wahrscheinlichkeit anlässlich Venedigs Sieg gegen die Türken anno 1716 komponiert, sprüht vor diesem erquickenden Geist, der geistliche Würde mit...
