Foxtrott und Kunstpriesterliches
Bei Francis Poulenc spürt man, was das Kunstlied im Grunde ist: gesungene Literatur. Seine Mélodies greifen fast immer auf Verse höchsten Anspruchs und lebender Dichter (also der Surrealisten) zurück. Im Biotop Paris, wo jeder jeden kannte, war das auf persönliche Weise möglich. Sie sind, was Rimbaud von einer Kunst auf der Höhe der Zeit verlangte: absolut modern. Und sie dichten die Gedichte musikalisch weiter, ohne sie zu erklären.
Insofern ist es kühn, wenn der schottische Lied-Spezialist Malcolm Martineau und das Label Signum Classics in Zeiten, in denen Gedicht-Rezitationen nicht gerade «in» sind, eine neue Gesamtaufnahme seines Lied-Œuvres starten. Kühn auch, weil es eine authentische Gesamtaufnahme bei EMI gibt, an der Poulenc, seine Vertrauten (Pierre Bernac!) oder diejenigen, die noch in seiner Stiltradition standen, mitwirkten. Martineaus Poulenc bietet nun eine von historischer Patina freie «re-lecture».
Die ersten beiden Volumes wirken nervös, übereifrig, zuweilen auch zeigefingrig. Die schöne Natürlichkeit der Referenzaufnahme weicht permanentem Überdruck. Selbst die Nonchalance wird dick unterstrichen. Martineau nimmt die Sforzati immer einen Tick zu laut, die Tempi zu ...
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Opernwelt November 2011
Rubrik: Medien | CDs, Seite 33
von Boris Kehrmann
Am 18. Februar 2012 wird es zehn Jahre her sein, dass sich auf der Bühne der Met eine «Audrey Hepburn mit Stimme» vorstellte: die damals 31-jährige Anna Netrebko in der Rolle der Natascha in Sergej Prokofjews «Krieg und Frieden». Zur Vorfeier dieses «Jubiläums» präsentiert sich die schöne Russin, inzwischen unter den Berühmten die Berühmteste, mit einem Album «Live...
1949 schrieb Frank Martin im Auftrag des niederländischen Kammerchors «Fünf Gesänge des Ariel». Doch damit nicht genug. Martin plante ein Musiktheaterwerk zu Shakespeares «Der Sturm». Nicht irgendeine Oper, sondern eine ganz neue Form. «Man könnte sich sehr gut ein Stück des Sprechtheaters vorstellen», so Martin, «in dem die Musik etwas ganz anderes wäre als...
«La petite mort» nennt der Franzose den Orgasmus, und die jungfräuliche Gouvernante erfährt ihn in einem wirren erotischen Traum am Ende des ersten Akts. Ihre unterdrückten erotischen Sehnsüchte mögen der Schlüssel sein zum rätselhaften Geschehen, das der amerikanische Romancier Henry James 1898 in einer berühmten Novelle beschrieb und das Benjamin Britten genial...
