Stillstand vor der Mauer
Muss das Musikfestival im südfranzösischen Aix-en-Provence unbedingt einen «Ring des Nibelungen» schmieden? Wotan im südlichen Licht? Alberich aus dem Luberongebirge? Die Rheintöchter aus der Rhône? Immerhin gab es schon einmal einen «Ring» im antiken Theater in Orange (Regie: Jean-Claude Riber, Dirigent: Marek Janowski): sehr imponierend, die germanischen Götter vor der hohen Steinmauer unter der Statue des Kaiser Augustus ihre Konflikte austragen zu lassen.
Auch Nizza nahm sich des Wagner-Werks einmal an, sehr spielerisch und witzig von Daniel Mesguich als lockerer Epilog zum Bayreuther Chéreau-Jubiläums-«Ring» von 1976 inszeniert.
Die Opernrealitäten im einundzwanzigsten Jahrhundert nehmen auf Geographie, Tradition, Ästhetik keine Rücksicht mehr. Erlaubt ist, was gefällt und vor allem Kasse macht. Wagners «Ring» besitzt alle Eigenschaften eines solchen Kassenfüllers: Er ist ein Event, nach dem die Leute lechzen. Speziell die Franzosen gebärden sich geradezu Wagner- und «Ring»-verrückt, und Stéphane Lissner, seit fast zehn Jahren Künstlerischer Leiter des Festival International d'Aix-en-Provence, versteht es wie kein zweiter Theaterchef, auf der Klaviatur aus ...
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Schon während der Ouvertüre läuft das Verbeugungsritual ab. Figaro und Susanna, Graf und Gräfin, Marcellina und Basilio nehmen ihre Solovorhänge entgegen, zeigen große Freude über die offenbar gelungene Aufführung. Doch schnell bröckelt die Fassade, Eitelkeiten und Intrigen brechen durch, schließlich prügeln sie sich wie die Kesselflicker. In dieser Truppe stimmt...
Die Bühne ist leer. Kein Thron, kein Schloss, kein Wald. Nur dieser große, dunkle Kasten, mit einem leeren Podest in der Mitte. Von der Seite fahren manchmal Paneele auf die Szene, geräuschlos, wie von Geisterhand geführt. Abstrakte Schutzschilder, hinter denen bald Macbeth und die Lady, bald Duncan, Banquo oder Macduff auftauchen und wieder verschwinden....
Beim Grafen von Belfiore hängt der Haussegen schief. Seine Frau hat guten Grund, sich nicht mehr von ihm geliebt zu fühlen («Ah, dove è andato quel primo affetto») und missbilligt seine Neigung zu ihrem Kammermädchen Dorina, die sie durch eine Heirat mit dem Gärtner Mingone aus dem Haus schaffen will. Der Graf dagegen will sie mit seinem Diener Titta verheiraten,...
