Editorial April 2019
Seit fünf Jahren hatte er nicht mehr vor einem Orchester gestanden, sich in sein Haus am Mondsee im Salzkammergut zurückgezogen. Als er spürte, dass Körper und Geist nicht länger den rigorosen Ansprüchen genügten, die er an sich und andere stellte, trat er aus dem Rampenlicht, das er eigentlich nie gesucht, eher als unvermeidliche Begleiterscheinung des Berufs hingenommen hatte. Stets ging es ihm einzig um die Sache, und das bedeutete: die Suche nach dem, was er die «Wahrheit der Musik» nannte.
Wenn er das Ringen um Wahrheit kompromittiert, die Anstrengung gefährdet wähnte, den Werken auf den Grund zu gehen, verstand er keinen Spaß. Empathie, Emphase, Einfühlung gründeten bei ihm auf Erkenntnis, kritischer Vernunft, der Kärrnerarbeit penibler Exegesen. Er eckte an, scheute keinen Konflikt, wenn er von etwas überzeugt war, und wurde dafür ebenso hochgeschätzt wie gefürchtet.
Mit Michael Gielen, der am 8. März 2019 im Alter von 91 Jahren gestorben ist, verliert die Musikwelt einen Dirigenten, der – von Starwesen und Marktkalkül unbeeindruckt – die Auseinandersetzung mit den Klangwundern eines Bach, Beethoven, Brahms oder Mahler, mit den grundstürzenden Architekturen der Zweiten ...
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Opernwelt April 2019
Rubrik: Editorial, Seite 1
von Jürgen Otten & Albrecht Thiemann
JUBILARE
Theodor Guschlbauer wurde in Wien geboren. Er studierte zunächst Klavier und Violoncello, schloss danach ein Dirigierstudium bei Hans Swarowsky an und vollendete seine Ausbildung bei Lovro von Matačić und Herbert von Karajan. 1961 wurde er an die Spitze des Wiener Barockensembles berufen, das er bis 1969 leitete. Die nächsten Engagements führten ihn an...
Der Name klingt nicht nach Afrika. César Francks «Hulda» spielt im frühmittelalterlichen Norwegen, zur Zeit der kriegerischen Sippen. Der belgisch-französische Komponist hatte für sein Opernprojekt das erfolgreiche Drama «Halte-Hulda» des späteren Literatur-Nobelpreisträgers Bjørnstjerne Bjørnson ausgewählt. Mit der Psychologie der Vorlage vermochte das Libretto...
Ein Ganzes sollte dieser «Karl V.» werden, geschaffen aus der Sehnsucht, dass alles noch mal ganz und heil werde. Als Ernst Křenek 1929 auf Wunsch des Wiener Staatsoperndirektors Clemens Krauss mit der Konzeption begann, hatte der Nationalsozialismus längst Sympathisanten auch in Österreich. Ein Remedium gegen den Nationalismus sah Křenek in der übernationalen...
