Überall und nirgendwo
Natürlich drehte sich wieder alles um ihn. Um den Tenorissimo a. D., der auf seine alten Tage mit aller Macht ins Bariton-Fach drängt. Schon zu Beginn der Neunzigerjahre hatte Plácido Domingo zum ersten Mal tieferes Terrain erkundet – im Tonstudio, als Rossinis Figaro für die DG-Aufnahme des «Barbiere». Im November 2007 folgte an der Met Glucks Orest, zwei Jahre später sang er an der Berliner Staatsoper unter Daniel Barenboim seinen ersten Boccanegra. Mittlerweile gehören auch Francesco Foscari, Germont père und Rigoletto zum Portfolio. Knapp zwei Monate nach seinem (offiziell) 72.
Geburtstag hat sich Domingo in London die nächste Vaterfigur Verdis anverwandelt: Nebukadnezar. Fünf Vorstellungen durfte Nabucco-Veteran Leo Nucci an Covent Garden den babylonischen König geben, dann musste er dem (fast) gleichaltrigen Rollendebütanten das Feld überlassen. Nicht nur der britische «Independent» feierte den Auftritt des «Neuen» als die eigentliche Premiere einer Produktion, die das dramma lirico in unauffälligen Grisaille-Tönen erzählt.
Nüchtern betrachtet, ist der Hype um Domingos zweiten Sängerfrühling kaum nachzuvollziehen. Sein Nabucco-Abenteuer bestätigt, was sich längst ...
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Opernwelt Juni 2013
Rubrik: Panorama, Seite 50
von Albrecht Thiemann
Eigentlich hat Jules Massenets «Don Quichotte» alles, was eine Oper braucht: eine tragikomische Liebesgeschichte, eine starke Hauptfigur, sentimentale Szenen unter nächtlichem Sternhimmel, große und lebendige Chöre und ein tränenreiches Ende. Dennoch ist das Werk nach dem Schauspiel «Le Chevalier de la longue figure» – für das natürlich Cervantes unsterblicher...
Sechs Opernpremieren hat das Tschechische Nationaltheater Prag für die kommende Spielzeit angekündigt: Im Stammhaus an der Moldau etwa soll es Ende Oktober einen neuen «Simon Boccanegra» geben – David Pountney überarbeitet seine alte Inszenierung von der Welsh National Opera (1997), am Pult steht Jaroslav Kyzlink, seit 2012 «Chefdirigent der Tschechischen...
Aschgraue Backsteinwände, auf dem Boden ein abgenutzter Teppich, ein paar zersessene Stühle, ein Flügel, altmodische Lampen, ein Kleiderständer. Melancholie durchweht den Raum, die Melancholie der Erinnerungen. Berlioz war hier, Rossini, Wagner, um nur einige zu nennen, damals, als der Salon von Pauline Viardot Stadtgespräch war in Paris. Jetzt sitzt die Dame des...
