Abgedrehter Tango
Als Regisseurin von Filmen wie «Orlando» oder «The Tango Lesson» genießt Sally Potter Kultstatus. Nun gab sie an der English National Opera mit Bizets «Carmen» ihr Regiedebüt im Musiktheater. Die Produktion eröffnete die neue (manche Beobachter fürchten: letzte) Spielzeit der ENO. Potter, die ihre Karriere als Tänzerin begann, meinte eines der mit diesem Stück verbundenen Probleme dadurch zu lösen, dass sie sämtliche Dialoge strich. Die Hauptfiguren blieben schablonenhaft, ohne Tiefe, zumal die Regie selten zu einer fokussierten Haltung fand.
Im dritten Akt zum Beispiel schien Katie Van Kootens schön klingende Micaëla auf der Suche nach José («It seemed I could master my terror») völlig isoliert – weil die Regie die Szene nicht erklärt. Hinzu kam, dass Van Kooten die von Christopher Cowell besorgte neue, «aktualisierte» englische Fassung der (Arien-)Texte offenbar nicht lag. Alice Coote hatte mit der Titelpartie noch größere Mühe. Zweifellos ist sie eine gute Sängerin. Doch bis zur finalen Auseinandersetzung mit Julian Gavins unstetem, kehligem Don José war unklar, was Carmen eigentlich empfindet. Eher sprangen ihr rotes Kleid und der rote Mantel ins Auge, die aus Catherine ...
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