Gesundes Misstrauen
Ein riskanter Selbstversuch: Kann man innerhalb von 24 Stunden zwei «Rosenkavalier»-Vorstellungen durchstehen? Zweimal kurz hintereinander die Wehmut des Marschallinnen-Monologs ertragen, das Flirren der Rosenüberreichung, die Turbulenzen der Beisel-Raufereien, das tränentreibende Schlussterzett?
Man kann. Aber die Nebenwirkungen sind erheblich, und die Überdosis wirkt nachhaltig. Es dauert Tage, bis der Boden unter den Füßen wieder trägt.
Dabei arbeiten beide Neuproduktionen, so verschieden sie auch sind, gar nicht mit Opiaten des Klangrauschs oder Klebemitteln des Sentiments – sowohl die Regie als auch die musikalische Leitung gehen hüben wie drüben sparsam mit dem Zucker um. Weder schwelgen wir in Kostüm-Orgien, noch dürfen wir uns am behäbigen Wiener Schmäh delektieren, geschweige denn im Schaum des Breitwand-Sounds versinken. Beide Versionen erzählen die Geschichte mit Brechungen, mit gesundem Misstrauen gegenüber den Seligkeiten des Moments und dem Zauber einer perfekt erdachten Kunstwelt. Und beide Neuproduktionen siedeln in vager Jetztzeit, belassen es aber keineswegs bei durchbuchstabierter Aktualisierung. Strauss’ und Hofmannsthals Kunstgriff des erfundenen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt November 2015
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Regine Müller
Als klassischer Dreispartenbetrieb in einer Stadt von knapp 75 000 Einwohnern zählt das Theater St. Gallen zu den kleineren Einrichtungen auf dem großen Marktplatz der Oper. Immer wieder schwingt sich das Haus jedoch zu Leistungen auf, die überraschen, ja staunen lassen. So jetzt mit «Eugen Onegin» von Peter Tschaikowsky. Gewiss, unter der wenig inspirierten...
Was zieht Filmemacher bloß an die Oper? Die Überzeugung, dass, wenn der Film die Oper des 20. Jahrhunderts ist, sie ja eigentlich vom Fach sind? Oder der Lockruf PR-bewusster Intendanten, die sich von prominenten Cineasten vor allem ein Plus in der Kasse versprechen? Mancher Spieleiter aus der Filmwelt, der sich ins Musiktheater verirrt, bekennt freimütig, von...
Unterschiedlicher als bei Soile Isokoski und Natalie Dessay können Liedinterpretationen desselben Repertoires kaum ausfallen. Das liegt bei diesem CD-Vergleich zwar auch am Kontext – die Finnin wird vom klang-opulenten Helsinki Philharmonic Orchestra unter John Storgårds, die Französin vom Pianisten Philippe Cassard begleitet –, ist aber mehr noch dem...
