Mysterienspiel
Zum hypnotischen Ostinato von Henryk Góreckis «Sinfonie der Klagelieder» (Sopran: Debra Stanley) baut sich das erste Motiv auf. Am Boden krauchen Aussätzige. In der Mitte waltet Franz von Assisi – von ihm erzählt Jo Fabians sinfonisches Bildertheater «Francesco» am Staatstheater Cottbus –, oben zeigt sich Christus. Charaktere im altniederländischen Stil vor minimalistischen Kulissen. Später dann eine Abendmahlsparodie: Franz als Gekreuzigter, zu seinen Füßen die Jungfrau, mit totem Reh. Daneben schmaust eine Festgesellschaft.
Nur winzige Bewegungen: Ein Betrunkener rutscht unter den Tisch; ein Kellner staubt die Gäste ab. Und das Orchester unter Evan Christ spielt Gavin Bryars «Jesus’ Blood Never Failed Me Yet». Aus Lautsprechern der Gesang des Obdachlosen – das berührt. Zum Schluss donnert der Chor John Debneys «Resurrection» aus Mel Gibsons Film «The Passion of the Christ».
Der Abend schlingert heftig zwischen Kitsch und Schönheit. Von Ersterem gibt’s reichlich. Aber Letztere eben auch. Nach Hause fährt man ohne Reue. Und eingezuckert von Kopf bis Fuß.
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt November 2015
Rubrik: Magazin, Seite 78
von Wiebke Roloff
Zwei Erhabenheitsbilder stehen für das angebliche Wesen der Musik: der mythische Sänger Orpheus und die Heilige Cäcilie, entrückt an der Orgel. Rein, veredelnd soll die wahre Tonkunst sein, alles Irdische, Materielle, Animalische transzendieren. Demgegenüber reagierte Schumann auf das Unisono-Finale der b-Moll-Sonate des von ihm bewunderten Chopin ratlos lapidar:...
Immer wieder formiert sich das Ensemble zum Kreis, und am Ende rundet sich auch die Aufführung, als wär’s der Tod, der alles eint. Wieder wird seine Geliebte dem Feuer überantwortet, wie das im ersten Akt schon einmal geschehen ist – und Orpheus begreift, dass sich eine Eurydike nicht wirklich halten lässt, selbst wenn die Musik dabei zum Medium seiner Beschwörung...
Was heißt musikalische Moderne? Ich will dieser Frage, angeregt durch das aktuelle Programm des Musikfestes und besonders durch den Schwerpunkt Arnold Schönberg, ein paar aphoristische Gedanken widmen. Eine kleine Etüde gewissermaßen, die den Begriff umspielt. Wie fast jede Etüde beginnt sie in einer festen Tonart, um sich dann für heilsame Verwirrung zu öffnen.
Eig...
