Blinde Winkel
Es ist das alte Lied. Als die Salzburger Festspiele im August 2000 Kaija Saariahos erste Oper auf die Bühne brachten, kochte eine kapitale Kontroverse hoch. Als esoterischen Klangkitsch kanzelten nicht wenige Beobachter «L’Amour de loin» ab, als kunstgewerbliches Machwerk über den Topos der verbotenen Liebe in mittelalterlicher Troubadour-Lyrik, das wie eine spektral verbrämte, sich selbst genügende Messe für zivilisationsmüde New-Age-Eskapisten daherkomme.
Akustische Wellness, weltflüchtig, prätentiös, marktgängig – so lauteten auch die Einwände nach der Amsterdamer Uraufführung der nunmehr fünften Arbeit, die die in Paris lebende finnische Komponistin für das Musiktheater geschrieben hat: «Only the Sound Remains», zwei kurze Stücke für Countertenor, Bassbariton, Tänzerin, vier Choristen, sieben Musiker und Live-Elektronik.
Während «L’Amour de loin» um das gegen höfische Normen aufbegehrende Traumbild einer unerreichbaren Geliebten kreist, entzündete sich Saariahos filigrane Fantasie diesmal an Stoffen aus dem japanischen Nô-Kanon. «Tsunemasa» behandelt die Begegnung eines Zen-Meisters (Gyôkei) mit dem Geist des hoch geschätzten Lautenspielers Tsunemasa, der in einer Schlacht ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 22
von Albrecht Thiemann
Der 1837 geborene Hans Sommer war eine Doppelbegabung: erfolgreicher Naturwissenschaftler und Komponist. Erst mit Ende 40 hängte er seinen Direktorenposten an der TU Braunschweig an den Nagel, um sich ganz der Musik zu widmen. In den letzten Jahren hat man peu à peu damit begonnen, Sommers Werke wiederzuentdecken. Beim Hören der jetzt in Gera aufgeführten...
An den Anfang seiner Inszenierung von «Boris Godunow» stellt Richard Jones ein Bild so licht und unschuldig wie aus einem Kinderbuch. Der Vorhang zeigt eine Kinderhand beim Griff nach einem Kreisel. Als dann im Saal die Lichter ausgehen, wird Miriam Buethers klaustrophobisches Bühnenbild enthüllt: Wände schwarz wie Reifengummi, mit der Zarenglocke als Relief. Auf...
Donizetti polarisiert: Außer wenigen eingeschworenen aficionados kennt kaum jemand mehr als dessen vier oder fünf «Longseller». Was soll man auch von einem Vielschreiber erwarten, der bisweilen an vier Opernpartituren gleichzeitig arbeitete? (Freilich wird die Frage, was man von einem Komponisten halten soll, der manchmal mehr als fünf Lieder an einem Tag schrieb,...
