Bittere Farce
Die Vorstellung ist absurd: ein Opernhaus ohne Intendant, ohne Chefregisseur und ohne Musikchef. Führungslos, ratlos, ideenlos. Was eigentlich nur kühnste Fantasie zu ersinnen vermag, ist in der Pokrovsky Kammeroper demnächst Realität. Und wie es aussieht, wird das Moskauer Theater als solches nicht mehr existieren.
So ernüchternd die Zukunftsaussichten, so prosaisch waren auch die Anfänge. Boris Pokrovsky, Jahrgang 1912 und führender Opernregisseur in der Sowjetunion, war nach 25 Jahren regen Tuns und rund 180 Inszenierungen erschöpft.
Als man ihm 1971 vorschlug, eine kleine Operntruppe, die mit mehr oder minder zusammengeschusterten Stücken durch die Provinz tingelte, zu übernehmen, beschloss er, es mit Rodion Schtschedrins «Nicht nur Liebe» zu versuchen, einem Stück, in dem auf folkloristischem Hintergrund eine neue musikalische Gattung vom Typ «russischer Strawinsky» entstand, in scharfer Abgrenzung zur akademischen Normalität.
Der Abend wurde ungeachtet des zeitgenössischen Inhalts (den schätzte das Opernpublikum in der UdSSR nicht sonderlich) ein Riesenerfolg. Das Theater zog neue Zuschauer an – und festigte seinen Ruf mit einer Aufführung von Dmitri Bortnjanskis «Der ...
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Opernwelt August 2018
Rubrik: Magazin, Seite 74
von Alexej Parin
Gefühlt hätte der Stoff für zwei, drei Opern gereicht. Doch Rodolphes Vernarrtheit in Agnès, die seinen Bruder heiraten muss, das Auffliegen dieser Liebe, Rodolphes Verbannung – all das geschieht im ersten Akt von Gounods «Nonne sanglante». Da gespenstert die blutige Gottesbraut noch gar nicht durch die Gänge. Agnès soll als besagte Nonne verkleidet fliehen....
Der Schwarzwaldfluss Enz, bei Wildbad noch eher ein Gebirgsbach, durchfließt nicht nur romantische Wälder und Auen, sondern säumt auch heftige Industrielandschaft. Diese konzentriert sich vor allem in Pforzheim, der traditionellen «Goldstadt», deren Reichtum heute wohl «Arbeit» heißt. Dieser Reichtum korrespondiert mit der Armut an altehrwürdiger Bausubstanz, die...
Bücher. Überall Bücher. Im ersten Akt stehen sie ziemlich ungeordnet in großen Regalen, der Raum mit seinen riesigen Säulen lässt an Herrschaftsarchitektur des 20. Jahrhunderts denken. Tatjanas Domizil, das Landgut ihrer Mutter, wirkt wie eine geheimnisvolle Bibliothek. Der zweite Akt spielt in einem Szeneclub. Auch hier der zeichenhafte Verweis auf das gedruckte...
