Antimaterie

Reznicek: Holofernes Bonn / Theater

Opernwelt - Logo

Die biblischen femmes fatales Judith und Salome haben einiges gemein: Beide trachten mit mörderischer Rage einem Mann nach dem Leben, beide setzen in ihren Racheplänen auf ihre körperliche Reize, beide bringen ihr Opfer erfolgreich zur Strecke. Und doch sind sie Gegensätze: Judith, die Lichtgestalt, rettet ihr Vaterland. Salome, die machtsüchtig Verderbte, schafft sich und ihrer ­Familie bloß einen Kritiker vom Hals.

Erst das 19. Jahrhundert findet in beiden Geschichten eine sexualneurotische Motivation: Beide Frauen begehren und bewundern demnach den Mann, den sie hassen.

Paradigmatisch formuliert haben das zwei dramatische Fassungen: «Judith» von Friedrich Hebbel (1840) und «Salomé» von Oscar Wilde (1891). Doch wo Wilde seine Heldin an der unmöglichen Wahl «Libertinage oder Fundamentalismus» scheitern lässt, inszeniert Hebbel den Geschlechterkampf auf einer sehr viel abstrakteren Ebene. Sigmund Freud fasste es so zusammen: «Eine überstarke Frau trotzt einem übergewaltigen Mann und rächt sich an ihm für die durch das Geschlecht ihr zu Teil gewordene Inferiorität.»

Diesem Befund trug der Komponist Emil ­Nikolaus von Reznicek Rechnung, indem er das Stück in «Holofernes» umbenannte. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2016
Rubrik: Panorama, Seite 35
von Ingo Dorfmüller

Weitere Beiträge
Lucky gähnt

Lucky heißt der kleine gepunktete Hund. Sein Herrchen, ein grimmig blickender Kerl, versperrt den Weiterweg in den Eingeweiden des Gasteig-Kulturzentrums mit seinen Rohren und Tanks. Doch die Performance «Anticlock» geht weiter, später sogar per Bus in den Münchner Norden zu einer regennebelbesprühten, bemüht düsteren ­Installation, während der Fahrt allerdings nur...

Ansteckungsgefahr

Mit ohrenbetäubendem Kreischen stürmt eine Gruppe Jugendlicher in weiß-blau gestreiften Badekappen die Bühne, unter dem donnernden Stakkato eines Pianos. Sie posieren. Sie grimassieren. Dann singen sie. Im kleinen, von Leuchtröhren erhellten Chorsaal im vierten Stock des Theaters an der Wien hat das Team um das Regie-Duo Catherine Leiter und Beate Göbel alle Hände...

Mission: Possible

Amerikanische Oper? Ein Schmerzenskind. Die wichtigsten Beispiele, George Gershwins «Porgy and Bess», Scott Joplins «Treemonisha» und Leonard Bernsteins «Candide» tendieren zum Jazz, zum Ragtime oder zum Musical; Samuel Barbers «Vanessa» war ein Misserfolg. Erst im Rahmen der Minimal Music, bei John Adams, Steve Reich und Philip Glass, kommt die Gattung idiomatisch...