Mehr Kumpel als Kaiser
Seid ihr alle da? Wenn es das richtige Lockmittel gibt – klar! Wodka satt zur Realitätsverschleierung, Wein im Tetrapack und ein Kasperletheater, das das Spiel der Mächtigen zur Harmlosigkeitsgroteske zusammenschnurren lässt. Alle Opernfiguren sind anfangs doppelt vertreten, geführt von ihren realen Sängern. Sogar ein Krokodil gibt es, das aus dem Hinterhalt ein rockendes Trio verspeist. Selten so geschmunzelt bei «Boris Godunow», welch neue Erfahrung am Staatstheater Nürnberg.
Dabei greift Peter Konwitschny, inzwischen rund 30 Minuten entfernt beheimatet, «nur» auf den guten alten Verfremdungseffekt zurück. Erhellende Distanz ist das Ergebnis, Bloßstellung der immer gleichen Machtmechanismen, aber eben auch etwas anderes: So überrumpelnd hat noch niemand das satirische Potenzial von Modest Mussorgskys Zarenoper enttarnt.
Trotz jahrzehntelanger Barrikadenkämpfe: Konwitschny, der gerade in einem bemerkenswerten Spätfrühling erblüht, ist eben immer Kind und Spielernatur geblieben. Und wer sich stört am Recycling mancher Kniffe (es gibt immerhin keine Unterbrechung): Die Verhältnisse, sie sind eben noch immer so – und bieten genug absurdes Potenzial für die Karikatur, auch bei ...
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Opernwelt November 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Markus Thiel
Gerade als Gilda ihre Seele aushauchen will, fährt in einiger Distanz ein Zug vorbei, pflügt akustisch diskret durch das Dolcissimo von «Lassù in ciel». Schlimm ist das nicht. Die klug konzipierte, die Bühne fast hermetisch umschließende Zuschauerarena legt Außengeräuschen den Finger auf die Lippen. Überdies trotzt die Chinesin Sen Guo als Gilda den gedämpft...
«Alceste»
Einfachheit, Natürlichkeit und Wahrheit waren die Prinzipien, die Gluck der Gesangsakrobatik und Intrigendramaturgie der barocken Opera Seria entgegenstellte. Diese aus dem Geist der aufklärerischen Ästhetik neu belebte Utopie einer Wiederherstellung der antiken Tragödie hat er in keiner seiner Wiener Reformopern konsequenter verfolgt als in der 1767...
Im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert war keine musikalische Gattung für die musikalische Identität einer Nationalkultur wichtiger als das Lied. Dies gilt auch für das seit der Hanse mit der deutschsprachigen Kultur eng verwobene Baltikum. Mit den poetischen Inhalten und der kleinen Form war es weitaus leichter, einen größeren Kreis zu erreichen als etwa mit...
