Werktreue als Alibi und Herausforderung
Dass eine Frau im Rentenalter ihre Jungfräulichkeit mit Zähnen und Klauen verteidigt und dabei jede Menge Männer über die Klinge springen lässt, wäre ein reizvolles Sujet für einen psychologischen Kino-Thriller, es ist aber nicht unbedingt das Thema von Puccinis «Turandot». Die überreife Prinzessin, die Luana DeVol in Barcelona zum Besten gibt, klingt dabei noch relativ frisch gegenüber der an Jahren jüngeren Kollegin Eva Marton in San Francisco, deren berüchtigtes Altersvibrato da wahre Orgien feiert.
Doch ganz unabhängig von solchen problematischen Besetzungen ist es ärgerlich, dass Puccinis unvollendeter Schwanengesang, in dem traditionelle Gesangsoper und musikalische Avantgarde eine spannungsreiche Symbiose eingehen, überall auf der Welt zu reinen Ausstattungsspektakeln missbraucht wird. Sowohl Ezio Frigerio und Franca Squarciapino in Barcelona als auch David Hockney in San Francisco haben dem Auge einiges zu bieten, doch in dem ganzen Farbenrausch und inmitten des Gewusels der Menschenmassen gewinnen die handelnden Personen keinerlei Kontur, bleiben völlig im Gestenkanon der alten Rampenoper gefangen. Dabei können Michael Sylvester und Lucia Mazzaria als Calaf und Liù in ...
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