Passion und Melancholie
Er habe, lässt Roberto Alagna im Booklet seines Crossover-Albums «Pasión» mitteilen, die darin präsentierten südamerikanischen Lieder «auf keinen Fall in die samtig-goldene Atmosphäre der Opernhäuser versetzen wollen». Vielmehr suchte er «die Schlichtheit und Leidenschaft der Tanzlokale». Das klingt, als wolle der Tenor, der nach eigener Aussage sein erstes Geld als Nachtklubsänger verdiente, sich dafür entschuldigen, dass er später in die bürgerliche Welt der Oper eintauchte.
Dabei gibt es dieses «Crossing over», wie der Angelsachse den Grenzgang zwischen den Welten – vom sogenannten Seriösen zum Divertissement und umgekehrt – nennt, schon lange. Mozart etwa hätte dies nicht als grenzüberschreitend empfunden; die strikte Trennung von «E» und «U» ist das Relikt einer vor allem im Deutschland des 19. Jahrhunderts verbreiteten Haltung. Ein halbes Jahrhundert etwa ist es nun her, dass man auch in Europa begann, sich ernsthaft um den Dialog zwischen beiden Welten zu bemühen – ausgehend von der Erkenntnis, dass in der populären Kultur ungeheure Kraft steckt, die über schiere Unterhaltung weit hinausgeht. Also begann man, Massenunterhaltung ernst zu nehmen.
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Opernwelt April 2012
Rubrik: Medien | CDs, DVDs, Bücher, Seite 22
von Gerhard Persché
Ohne den notorischen BIC-Stift, der ihm oft als Dirigentenstab dient und irgendwie zu seinem Markenzeichen wurde, sondern mit bloßen Händen formend, schraffiert René Jacobs in vertikal wippenden Arm- und Körperbewegungen Glucks «Telemaco»-Musik sozusagen in den Raum. Wobei das Ganze, will man den Vergleich weiterspinnen, eher auf eine zart aquarellierte Zeichnung...
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Der Musikwissenschaftler Richard Taruskin hat Nikolai Rimsky-Korsakows vorletzte, ein Jahr vor seinem Tod 1907 uraufgeführte Oper «Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch und der Jungfrau Fewronija» als «eine Art Testament» bezeichnet. Dmitri Tcherniakov erlöst das Werk aus der verbiegenden Heiligsprechung eines russischen «Parsifal» und holt es in seiner...
