Der Gräfin Kern

Moskau, Bolschoi Theater, Tschaikowsky: Pique Dame

Opernwelt - Logo

Keine Spur von Realismus. St. Petersburg wird auf der Bühne nur symbolisch angedeutet. Und zwar in zweierlei Perspektive: grell und rau (mit schwarzen, röhrenartigen Säulen ohne Kapitelle) als vertikaler Dimension; dann durch Brücken, die über die ganze Bühne führen (über den grünen Boden, der sowohl die Neva als auch einen Spieltisch darstellt), als horizontaler Dimension. Ansonsten ist die Bühne leer und bleibt das bis zum vierten Bild. Dann wird ein Sessel für die alte Gräfin hereingetragen.


Regisseur Walerij Fokin verlegt die Handlung in einen schlichten, artifiziellen Raum, in dem sogar die schwar­zen Kostüme der Puschkin-Zeit abstrakt und künstlich wirken. Heraus kommt eine radikale Verfremdung des klassischen Stoffes: Er wird in Zeichen und Symbolen aufgelöst und in verschiedene semantische Schichten zerteilt. Nach lange dominierendem Schwarz wirken die im vierten Bild auftretenden Mannequins mit Perü­cken und langen Röcken (à la Vénus Moscovite des 18. Jahrhunderts) besonders auffallend. Diese weißen Gestalten, die in der Kasernenszene den Schatten der Gräfin begleiten, stehen für eine jenseitige, bedrohliche Macht. Nur selten wird der strenge Ton der Inszenierung durch ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2007
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Alexej Parin

Vergriffen
Weitere Beiträge
Zwanghafte Einheit

Was verbindet Othmar Schoecks «Notturno» aus dem Jahr 1933 und Heinrich Sutermeisters einaktige Funk­oper «Die schwarze Spinne» von 1936 miteinander? Die zeitliche Nähe ihrer Entstehung oder die «schweizerische» Herkunft allein kann es ja wohl nicht sein.
Schoecks Gesänge für Bariton und Streicher beschwören, wie fast alle Werke dieses spätgeborenen Romantikers, in...

Bonjour tristesse

2008 steht ein Puccini-Jahr bevor, Anlass genug für das kleine, aber künstlerisch rege Coburger Landestheater, die unverwüstliche «La Bohème» aufs Programm zu setzen. Regisseur Detlef Altenburg und sein Ausstatter Manfred Dittrich verlegen die Szenen aus dem Künstler­leben in die Gegenwart: Erstes und letztes Bild zeigen die heruntergekommene Atelierwohnung von...

Politisch korrekt

Taugt das Metier der Oper als Mahnmal? Die Initiatoren der Uraufführung «Dunkelrot» bestreiten energisch, dass es ihnen mehr um ein gesellschaftspolitisches Signal als um die innere Dynamik des Musiktheaters ging. Ein riskanter Versuch war es allemal, den das Nürnberger Staatstheater im Dienste der als «Stadt der Menschenrechte» alle zwei Jahre an die...