Auf Grund gelaufen
Das Stück berührt immer noch. In der als inszeniertes Konzert angekündigten Aufführung von Henzes Dokumentar-Oratorium «Das Floß der Medusa» in der Bochumer Jahrhunderthalle gerät das Werk allerdings in seichtes Gewässer und läuft, um im Bild zu bleiben, ähnlich spektakulär auf Grund wie die Fregatte «Medusa» 1816 bei dem Versuch, den Senegal für Frankreich zurückzuerobern. Während sich damals die Oberen auf die Boote retteten, überließen sie das gemeine Volk – die «Allzuvielen», wie sie im Libretto heißen – auf einem schnell gezimmerten Floß dem Schicksal.
Die wenigen Überlebenden wurde erst nach 13 Tagen zufällig von einem Schiff aufgelesen – Boatpeople wie die jetzt im Mittelmeer treibenden Flüchtlinge, allerdings in umgekehrter Richtung. Théodore Géricault hat diesen Moment in einem monumentalen Gemälde festgehalten, dessen aufrührerisches Pathos Henze bei der Komposition vor Augen stand. Er ergreift Partei für die Opfer, aber poetisch, nicht agitatorisch. Die Schönheit der Musik kann ihre politisch-revolutionären Aussagen – «belehrt von Wirklichkeit, fiebernd, sie umzustürzen», wie es im Schlusswort des Sprechers heißt – nicht aufheben.
Zur Aktualisierung taugt das Che ...
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Opernwelt November 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 28
von Uwe Schweikert
Inge Borkh war die letzte Überlebende jener beeindruckenden Sopranistinnen-Riege, die zwischen 1950 und 1970 die Opernbühnen beherrschte. Wie keine zweite Sängerin, deren Kunst auf Tondokumenten festgehalten ist, war sie die Inkarnation von Strauss’ Elektra, einer Partie, die sie mehrere hundert Mal sang. «Frenetische Leidenschaft, erhabene Liebe, fantastischer...
Langsam schreitet eine weiß gepuderte und perückte Adelsgeselllschaft zum Te Deum in die von Christian Schmidt naturalistisch nachgebaute römische Kirche Sant’ Andrea della Valle. Ein greiser Kardinal führt die Riege stocksteifer katholischer Würdenträger an. Scarpia singt sich währenddessen in einen solchen sexuellen Rausch, dass er sein Umfeld überhaupt nicht...
Seit seinem Amtsantritt als Intendant der Opéra national de Paris hat es sich Stéphane Lissner zum Ziel gesetzt, neue Musiktheaterwerke in Auftrag zu geben, die auf Klassikern der französichen Literatur gründen. 2017 war Balzac mit Luca Francesconis «Trompe-la-mort» an der Reihe, für 2021 ist Claudels «Le Soulier de satin» annonciert, vertont von Kaija Saariaho....
