Recht und Gerechtigkeit
«Selbst wenn der Mund sich schließt, bleibt die Frage offen», schrieb Stanislaw Jerzy Lec.
Welche Frage? Etwa jene, die Pontius Pilatus bei Johannes (18,38) stellt: «Was ist Wahrheit?» Joseph Ratzinger, Papa Emeritus, spitzte sie im zweiten Band seiner Untersuchungen über Jesus von Nazareth zu: «Kann Politik Wahrheit als Kategorie für ihre Struktur annehmen? Oder muss sie Wahrheit als das Unzugängliche der Subjektivität überlassen und stattdessen sehen, wie sie mit den verfügbaren Instrumenten der Ordnung von Macht zu Rande kommt, um Frieden und Gerechtigkeit zu stiften?» Aber wenn Wahrheit nicht zählte? Welche Gerechtigkeit wäre dann möglich? Müsste es nicht gemeinsame Maßstäbe geben, die der Willkür wechselnder Meinungen und der Machtkonzentrationen entzogen wären und Gerechtigkeit für alle garantierten?
Grundlegende Fragen, die auch die Oper zu Lyon unter ihrem rührigen Chef Serge Dorny stellt, und zwar in ihrem im Festival «Justice/Injustice». Kein Zufall, dass dieses in der Karwoche begann. Wobei das französische Motto im Deutschen mit «Recht» und «Unrecht» nur unzureichend übersetzt ist, denn «Justice» bedeutet eben nicht bloß Recht, sondern vor allem Gerechtigkeit. Doch ...
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Opernwelt Mai 2013
Rubrik: Im Focus, Seite 22
von Gerhard Persché
Das Anhaltische Theater Dessau bringt zwischen 2012 und 2015 Wagners «Ring» heraus – originellerweise rückwärts, also in der Reihenfolge der Entstehung der Libretti (nicht aber der Partituren!) von «Siegfrieds Tod/Götterdämmerung» bis «Rheingold». Ob das wirklich eine glückliche Entscheidung war, ließ sich am «zweiten» Abend bezweifeln. Erst von André Bückers...
Die Wiedergeburt der Tragödie aus dem Geist des Rock ’n’ Roll? Vier Abende, sechs Stunden, 21 Figuren, Soundrequisiten vom Kieselstein bis zum Theremin – in seiner rotzig aufgerauten «Ring»-Hörspiel-Performance kümmert sich Stefan Kaminski um fast alles selbst. Nur die Glasharfe, Tuba, Bassgeige und Keyboards bedienen vier assistierende Musikant/inn/en. Im Dezember...
Die stiff upper lips der britischen High Society wurden noch steifer, als vor sechzig Jahren in der Royal Opera Benjamin Brittens Krönungsoper «Gloriana» uraufgeführt wurde. Statt des erwarteten zeremoniellen Historienspiels zur Krönung von Elizabeth II. wurde dem Publikum das bittere Drama der alternden Elizabeth geboten, die ihre Unterschrift unter das...
