Die entkleidete Oper
Eigentlich wollen wir sie nicht mehr sehen, diese Herren in ihren mausgrauen Anzügen, mit Schlips und Köfferchen. Und dieses Lounge-Mobiliar mit Ledersofa, Rolltreppen, Hotel-Lobby- und Airport-Lifts. Dennoch: Christian Schmidts «Rinaldo»-Ambiente in Zürich geht letztlich doch auf. Zumal, wenn sich herausstellt, dass Ramses Sigls Schlips-und-Kragen-Ballett der Wiedergabe den realistischen Boden entzieht und ihr einen Hauch von ironisierender Revue zufächelt.
Diese Künstlichkeit bildet sich am stärksten heraus, wenn eine unwirkliche Zeitlupenbewegung des gesamten Ensembles Rinaldos Arie «Cara sposa» umgibt und den Bildalltag mit schier magischen Momenten durchsetzt.
Claus Guth sollte inszenieren. Jens-Daniel Herzog übernahm das Konzept des erkrankten Kollegen. Wir sind offenbar mit einem Wirtschaftskrieg (Öl?) konfrontiert, erleben einen von Armidas Strategie beflügelten Fall von raffinierter psychologischer Schlachtführung. Die Erschütterung der ursprünglichen Liebesordnung bringt das ganze Quiproquo ins Schillern: Weder bleiben die Christin Almirena von Jerusalems König Argante noch der (umgedeutete) Kreuzritter Rinaldo von der sarazenischen Zauberin und kapitalen Erotikerin ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Stefano Landis «Il Sant’ Alessio» (Rom 1632/34), gesteht William Christie in einem Bonus-Interview des DVD-Mitschnitts aus Caen, sei seit seinem Studium eines seiner Lieblingswerke. Nicht nur die herb-chromatische Musik habe es ihm angetan, sondern vor allem auch die Qualität der Verse. Schon 1996 legte er eine gekürzte und mit Frauen in den hohen Stimmen besetzte...
Unter den nordamerikanischen Festivals, die das ganze Spektrum der Künste ins Visier nehmen, ist Spoleto zweifellos die erste Adresse. Und in diesem Jahr zudem ein Ort, der auf zeitgenössische Oper setzt – und ganz nebenbei die Flexibilität der Gattung unterstreicht.
Publikumsrenner der zweiunddreißigsten Saison war «Monkey: Journey to the West», ein von...
Ein tönender Überfall. Kopfüber stürzt sich das Orchestre philharmonique de Strasbourg in diesen «Fidelio». Das Fanfarenmotiv am Beginn der Ouvertüre: wie ein Startschuss, schnell, fast schon hastig, alles beiseite drückend, keinen Einwand duldend, basta. Der Straßburger Beethoven-Tonfall ist eher harsch, wie abgerissen, schmucklos drängend, ja, dringlich, Verve...
