Vom Körper her gedacht
Der ganze Körper zittert, bebt, vibriert: Brünnhilde platzt förmlich vor Energie bei ihrem ersten Auftritt. Mit lässigem Behagen prostet ihr Wotan zu, noch in sektlauniger Rückschau auf seine frisch gepaarten Wälsungenkinder befangen. Vorher hatte Sieglinde Siegmund den Wassertrunk aus ihren eigenen Händen gegeben. Der brüderliche Fremde schlürfte sie derart aus, dass man nicht die Stillung, sondern das schnelle Wachstum einer Begierde erfährt. Es sind solche vitalen Personenzeichnungen, die die Qualität von Vera Nemirovas «Ring»-Regie an der Oper Frankfurt ausmachen.
Aufregend neue interpretatorische Setzungen sind weniger zu erwarten. Der erzählerische Fluss wird sinnvoll ins Lebhafte gelenkt. Blinder Aktionismus bleibt vermieden, mehr noch zähe Statuarik. Klug ausdifferenziert zwischen Ruhe und losbrechender Erregtheit etwa das lange Zwiegespräch zwischen Wotan und Brünnhilde im zweiten Akt. Viel dramatischer als gewöhnlich das Schwanken der Walküren zwischen dem Mitleid mit Schwester Brünnhilde und der Angst vor dem zornigen Göttervater. Mit der körperlichen Einbeziehung Sieglindes in einen schmerzlichen Konflikt erhält auch die Todesverkündigung des zweiten Akts – jetzt eine ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Januar 2011
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Hans-Klaus Jungheinrich
Im Genfer Programmheft sieht man die Sängerinnen der Elektra wie auf einer Perlenschnur aufgereiht – wenn die zarte Metapher für die Schwergewichte vergangener Tage überhaupt zulässig ist. Annie Krull, die den monströsen Part für die Dresdner Uraufführung in wenigen Wochen lernen musste, mit wirren Haaren; Zdenka Faßbender, die erste Münchner Elektra, mit bösem...
Auf leerer Bühne treibt eine Insel in den charakteristischen Formen der Schweiz ziellos über den See, während im Hintergrund eine Europa-Karte funkelt: Das Schlussbild der Zürcher Neuproduktion von Rossinis «Guillaume Tell» fasst aktuelle Probleme der Schweizer Befindlichkeit in ein prägnantes Bild. In Adrian Marthalers Inszenierung sind die mythischen Ereignisse...
Es gibt eine entlarvende Stelle im Interview der Basler Theaterzeitung zu «My Fair Lady». Da sagt Agata Wilewska, gebürtige Polin und Darstellerin der Eliza Doolittle, über ihren Regisseur und die Probenarbeiten: «Also, ich muss sagen, dass ich nach zwei Wochen etwas Vertrauen gefasst habe und unserer gemeinsamen Zukunft nichts mehr im Wege steht.» Das...
