Täteropfer, Opfertäter
Ein Entrinnen gibt es nicht. Für niemanden. Nicht einmal für Alexandr Petrovic Gorjancikov, dem der Platzmajor am Ende doch eigentlich die Freiheit schenkt. Und wie alle Gefangenen in Leos Janáceks visionärer Gulag-Oper scheint dieser Gorjancikov schon immer zu der uniformen Masse zu gehören, die während des Vorspiels und zu den finalen Orchestertönen reglos auf einer schrundigen Betonschräge hockt. In Reih und Glied, unter gleißendem Licht. Zerschlissene Jeans, steingraue Sweatshirts, über den Kopf gezogen, tilgen jede Individualität.
Ein gespenstisch ruhiges Bild, frostig, suggestiv. So geht es los, bevor die Tenöre des Chores (von Dan Ratiu vorzüglich einstudiert) über den «Adeligen» tuscheln, der bald kommen soll, und die ersten Häftlinge brutal aufeinander losgehen. Doch der Neue, er ist längst unter ihnen. Der weiße Anzug, den Gorjancikov (Jin-Ho Yoo) trägt, ist nur eine Verkleidung, so wie der Fummel für die bitterbösen Burlesken um Kedril, Don Juan und die hübsche Müllerin, die im zweiten Akt über die karge Spielfläche poltern. Es dauert nicht lange, da ist er, windelweich geschlagen und mit Fäkalien übergossen, wieder einer von ihnen, wienert mit bloßen Händen ein ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Selten wurde so viel Aufhebens um ein unartiges Kind gemacht: Für ihre konzertante Aufführung von Ravels dreiviertelstündigem Meisterwerk «L’Enfant et les Sortilèges» versammelten die Berliner Philharmoniker im November 2008 eine Sängerriege, mit der man eine ganze Serie von Galaabenden hätte bestreiten können. Auf dem Podium scharten sich Stars wie José Van Dam,...
Francis Poulencs 1957 an der Mailänder Scala uraufgeführte Oper «Dialogues des Carmélites» schien damals ihres religiösen Sujets wie ihrer weitgehend tonalen Musik wegen aus der zeitgenössischen Entwicklung herauszufallen. Heute erweist sich das wieder häufiger gespielte Stück als eigenständiges Ausnahmewerk in der Nachfolge von Debussys «Pelléas et Mélisande»....
Das Drum und Dran sorgte einmal mehr für ebenso viel Gesprächsstoff wie die Aufführung selbst: Kaum war die Premiere von Glucks «Iphigénie en Aulide» mit Riccardo Muti am Pult über die Bühne gegangen, drohten die Gewerkschaften mit Streiks für die weitere Serie (ohne die Drohung letztlich wahr zu machen). Denn das Kulturministerium, das Italiens Opernhäusern...
