Psychologie der Masse
Wer gibt den Befehl? Gott! Wer führt ihn aus? Wir! – Die Rede ist von einem Befehl zu einem Mord, der im Namen des Herrn, für eine cause sainte verübt werden soll. Erteilt wird er in der Oper eines Komponisten, den seine Familie für einen «Schwarzseher» hielt: in «Les Huguenots» von Giacomo Meyerbeer. Wie beim Ritual einer Schwarzen Messe lassen sich fanatische Katholiken die Schwerter zum Meuchelmord an den Hugenotten weihen – vor der Bartholomäusnacht vom 23. auf den 24. August 1572.
Die Geschichte des einzigartigen Erfolgs von Meyerbeers chef d’œuvre – die Oper wurde nach der Uraufführung (1836) bis 1903 in Paris 1000-mal gespielt – ist ebenso bekannt wie die der politischen Verdrängung und, bis auf den heutigen Tag, der ästhetischen Abwertung der Grand Opéra als Genre. Man erleichtert sich diese Verwerfung mit dem Vorbehalt, dass die Partien, die Meyerbeer für Cornélie Falcon (Valentine), Adolphe Nourrit (Raoul) und Nicolas-Prosper Levasseur (Marcel) geschrieben hat, heute ohnehin nicht adäquat besetzt werden können.
Umso erstaunlicher, dass Aufführungen an zwei Stadttheatern – in Kiel und Würzburg – diesen Einwand zumindest relativieren, ja ihn durch ihren mitreißenden ...
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Opernwelt November 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Jürgen Kesting
In seinem «Macbeth», so schreibt Verdi im Februar 1865 an den Pariser Verleger und Theaterdirektor Léon Escudier, gebe es im Grunde genommen nur drei wichtige Partien, nämlich die Titelrolle, die Lady und – den Hexenchor. Denn, so notiert er weiter, die «Hexen beherrschen das Drama; alles stammt von ihnen. Sie bilden wirklich eine Persönlichkeit, und zwar eine von...
Im Mai 1877 war Giuseppe Verdi in Köln, eingeladen von Ferdinand Hiller, um dort beim Niederrheinischen Musikfest seine «Missa da Requiem» zu dirigieren. So weit, so bekannt. Am 23. Mai speisten die Ehepaare Verdi und Hiller gemeinsam zu Mittag, abends besuchte man eine Aufführung von Schillers «Verschwörung des Fiesko zu Genua» – ein Gastspiel der damals...
Meyerbeer als Komiker – das ist eine Vorstellung, an die sich vermutlich auch jene Generationen nicht gewöhnen werden, bei denen der Grand Opéra-Meister wieder durchgesetzt sein könnte. So war es ein mutiger Schritt, den Meyerbeer-Zyklus an der Deutschen Oper Berlin – szenisch angestoßen durch den monumentalen «Vasco da Gama» – mit Meyerbeers vorletzter Oper...
