Existenziell ist nicht genug
Schwester Helen ist eine besondere Nonne. Im Duett mit dem Todeskandidaten Joseph trällert sie Songs von Elvis Presley, deutet an, dass sie das Zeug zum Partygirl hätte. Es ist jene Szene im zweiten Akt von Jake Heggies «Dead Man Walking», die uns die Vielseitigkeit der sozial engagierten Katholikin aus New Orleans zeigen möchte, sie endgültig zur Heldin des Alltags erhebt. Und es ist tatsächlich ein besonderer Moment. Denn auch das Werk selbst bekennt hier Farbe, gestattet sich eine buntscheckige Lebendigkeit, die ihm sonst fehlt.
Die Oper ist einer realen Geschichte und dem gleichnamigen Film nachempfunden. Sie erzählt von einem Doppelmörder, der kurz vor seiner Hinrichtung zum Geständnis seiner Tat und damit zu einer moralischen Wende gelangt. Doch trotz der brisanten Thematik: Heggie hat eine Oper geschrieben, die in ihren versandhauskatalogartigen Adaptionen der europäischen Musikgeschichte beinahe überraschungsfrei daherkommt – wie das gravitätisch auftrumpfende Gegenstück zu «Europeras» von John Cage. Dass das Stück bei der Europäischen Erstaufführung in der Dresdner Semperoper trotzdem Zustimmung erntete, ist leicht zu begründen. Das Libretto (Terence McNally) ...
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Die Mauern des Hinterhofes sind so hoch, dass man den Himmel nicht sieht. Manche der Fenster sind vergittert. Sie umrahmen die Tristesse von Arbeiterinnen an der Nähmaschine. Über ihnen könnte eine Aufseherpeitsche aus der Zarenzeit zischen. Oder die stalinistische Gewalt (der Entstehungszeit der «Lady») hängen. Oder auch die neue postsowjetische Trostlosigkeit....
Eine Marktlücke füllt der neue «Barbier», den Sony in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk produziert hat, sicher nicht, denn es gibt von dieser populären Buffa mehr als genug erstklassige Aufnahmen. Das geschäftliche Kalkül zielte wohl auf die Besetzung der Rosina mit dem bulgarischen Weltstar Vesselina Kasarova, die in dieser Partie anderweitig noch nicht...
Eine Oper ohne Szene ist wie eine Hochzeit ohne Braut. Was man sonst aus Italien oder Paris kennt, feierte in Deutschland seine Premiere: der streikbedingte Ausfall einer Uraufführung. Die Uneinsichtigkeit der Dienstleistungsgesellschaft Verdi, die mit dem Komponisten gleichen Namens nur die Dickköpfigkeit verbindet, hat dazu geführt, dass die Uraufführung von...
