Flucht ins Rokoko
«Comédie chantée» nannte Jules Massenet seinen 1905 uraufgeführten «Chérubin», ein entzückendes Werk über den nun etwas erwachsener gewordenen, aber immer noch in alle Frauen verliebten pubertären Cherubino: voller Leichtigkeit und Witz, dramaturgisch exzellent gebaut mit einer ausnehmend vielseitigen, qualitätvollen Musik, die auch schon mal nach der Opéra comique Offenbach’scher Prägung klingen kann.
Die Innsbrucker Intendantin Brigitte Fassbaender hat für die Wiederentdeckung dieser Rarität mit der achtundzwanzigjährigen Regisseurin Elisabeth Stöppler einen Glücksgriff getan. Denn die Lebendigkeit, Musikalität und Präzision, mit der sie in den drei ironisch gebrochenen, im Trompe-l’œil-Stil mit Natur und Ruinenarchitekur ausgemalten Räumen (Empfangshalle, zweistöckiges Schlosshotel-Foyer, Schlafzimmer) Regie geführt hat, bringt den Charme des Stückes erst richtig zur Geltung. Unterstützt wird diese Sorgfalt von präzise variiertem Licht und Kostümen (Nicole Pleuler), die fantasievoll andeuten, dass hier Menschen des 20. Jahrhunderts in Rokoko-Kostüme, in eine andere – erotischere – Welt schlüpfen. Das hat schon im teilweise inszenierten Vorspiel enormen Reiz: In organisierter ...
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Das gibt es nicht alle Tage: ein «Tristan», der – bildreich und spannend inszeniert – wie in einem einzigen Augenblick vorüberzuziehen scheint. Ein großartiger Erfolg am Mariinsky Theater. Regisseur und Bühnenbildner Dmitri Tcherniakov erzählt die Geschichte, als betrachteten wir einen Bergman-Film. Treffsicher umreißt er psychologische Motivation, modelliert die...
Oje, wenn das der liebe Gott sehen würde: Eine solche Life Story, und das ausgerechnet an einem Ort wie der altehrwürdigen Aldeburgh Church – er würde den Donner hinab zur Erde schleudern, auf dass die Menschen wieder einfache Diener in seinem Weinberg werden mögen. Aber was soll er machen, es ist zu spät. Ohne auch nur einen Funken Anstand zu besitzen, singt...
Der beste Teil der Vorstellung fand in der Intendantenloge rechts über dem Orchestergraben statt. Dort saß Plácido Domingo und dirigierte die Oper von Anfang bis Ende mit. Seine Fingerspitzen malten melodische Linien, manchmal markierte er mit den Handflächen die Metrik. An Piano-Stellen senkte er den Kopf, und es schien, als würde er jede Phrase, die auf der...
