Cupidos Vermächtnis
Am Anfang ist das dunkle, kalte Nichts. Der leere Raum vor schwarzglänzenden Brandschutzmauern. Nach funkelnder Operette sieht es kaum aus. Und das wird sich zunächst auch nicht ändern. Denn von der Seite schiebt sich ein Thespiskarren mit der Aufschrift «Varieté Vanitas» herein, gezogen von einem puttogleichen Wesen (Rüdiger Frank). Cupido ist’s, aber er ist nicht alleine. Auf dem Kutschbock sitzt, mit blutunterlaufenen Augen und schwarzer Kutte, Gevatter Tod (Wolfgang Häntsch). Wohlan, denkt man im Stillen, das kann ja heiter werden.
Wird es auch.
Nur eben ganz anders, als es der geneigte Operettenliebhaber erwarten würde. Stefan Herheims Augenmerk gilt generell den kulturellen, gesellschaftlich-politischen Kontexten, der Rezeptionsgeschichte eines Stücks. So auch in Jacques Offenbachs «Barbe-bleue», komponiert 1866, ein Jahr vor der Mexiko-Krise und Pariser Weltausstellung, im Schatten der Schlacht bei Königgrätz, die mit einer vernichtenden Niederlage für das Haus Habsburg endete. Es ist hilfreich, dies zu wissen. Wie ebenso, dass bereits der Spottvogel Offenbach seine Zeit mit süffisantem Blick karikierte, konkret: die Bigotterie jener «Bastardmonarchie», als die Alexis de ...
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Opernwelt Mai 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Jürgen Otten
Eine junge Frau hält einen Totenkopf in den Händen, betrachtet ihn eingehend, wirft ihn dann von sich; ein Kind fängt den mutmaßlichen Schädel auf, er entpuppt sich als Ball. Und wir haben uns täuschen lassen. Calixto Bieito punktet, führt mit einem konkreten, angemessen schillernden Bild in seine szenische Anverwandlung von Verdis «Messa da Requiem» ein. Mutter...
Gibt es eine «gelungene» sowjetische Oper nach 1945? Schwer zu sagen, was im Jahr 1959 vielleicht eine gewagte Satire war, die in der Periode von Tauwetter und Entstalinisierung ideologisch gepusht wurde, erscheint heute einem Bühnenmann und Regisseur wie Dominique Horwitz nur als fade Beschönigung der wirklichen Verhältnisse im Realsozialismus.
Die Rede ist von...
Am Ende – kurz vor elf Uhr nachts – gehen zwei Menschen «in den Himmel» ein. Sie nennt sich Heliane und ist, der Name verrät es, eine Art weiblicher Heiland, Stimmlage Sopran. Er hat zwar keinen Namen, soll aber ebenfalls eine Erlösergestalt sein, Stimmlage Tenor. Kein Liebesduett, dafür eine Apotheose. Eigentlich sind die beiden längst tot, nun aber «strömen Du...
