Wunschkonzert
Die Inszenierungen von John Dew waren einst ebenso berühmt wie umstritten für ihre aktualisierenden Konzeptionen. Doch basierten sie nie auf platter Gleichsetzung, machten vielmehr Gegenwart auf Historie oder Mythos hin transparent: Sie zielten auf Vergegenwärtigung im umfassenden Wortsinne. In seiner aktuellen «Fidelio»-Produktion ist davon nur noch ein anachronistisches Aperçu übrig geblieben: Das eröffnende Duett zeigt Marzelline und Jaquino als Angestellte der Gefängnisbürokratie.
Sie weist seine Avancen zurück, indem sie sich angelegentlich in die Akten vertieft – papierene Akten, wohlgemerkt, und auch die wuchtigen Schreibmöbel und die schwarzen Bakelit-Telefone verweisen auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Später, bei Pizarros Arie, erscheint ein bühnenhohes Regal mit Tausenden von Leitz-Ordnern, auch die Wachmannschaft hat sich in einen Chor von Beamten verwandelt. Dass aber in diesem Ambiente alle Personen Kostüme der Empire-Zeit tragen, wirkt willkürlich: Die Zeitebenen durchdringen sich nicht, sie stehen wie Öl und Wasser nebeneinander.
Ansonsten herrscht inszenatorisches Minimum: eine schwarze, leere Bühne, nur das Nötigste an Mobiliar und Requisiten, doch auch an ...
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Wäre es nach Napoleon gegangen, ein Bayer hätte sofort die Pariser Oper übernehmen können. 1799 hörte der begeisterte Feldherr in der Mailänder Scala «La Lodoïska», doch Simon Mayr lehnte dankend ab. Das Stück war lange ebenso vergessen wie die gerade wiederentdeckte «Medea in Corinto». Es wurde 1796 in Venedig uraufgeführt und verlangt dringend nach szenischer...
Ehre sei den Provisorien. Ohne die wäre vieles im Laufe der Musikgeschichte gar nicht zustande gekommen. Strawinskys «Histoire du Soldat» beispielsweise. Eine ganze Opernästhetik basierte wortwörtlich auf einer winzigen Behelfsbühne: dem «Nudelbrett» der Darmstädter Orangerie in der überaus kreativen Ära Harro Dicks vor dem Umzug ins neue Staatstheater. Begrenzung...
Ein Werk wächst. Wechselt Farbe, Form, Figur. Bleibt aber beständig, nur eben anders gefasst. In seinem wunderbar präzisen «Versuch über Musik und Sprache» hat der Philosoph Albrecht Wellmer den Gedanken einer während ihres Fortbestehens in der Welt sich stetig entwickelnden Partitur umschrieben. Diese, heißt es da, sei nicht schon das Werk, das in ihr gemeint ist....
