Mann der Widersprüche
Wolfgang Borchert, der Literat der Stunde, formulierte es so: «Wir sind die Generation ohne Bindung und ohne Tiefe. Unsere Tiefe ist der Abgrund.» Borchert war 1921 geboren und traf unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg den Nerv der Zeit; «Trümmerliteratur» hat man das später genannt. «Draußen vor der Tür» heißt sein einziges Schauspiel, und es umreißt ein Lebensgefühl: Draußen lagen die Trümmer von Städten und Existenzen. Drinnen in den Menschen lagen die Trümmer ihrer Hoffnungen und ihrer Orientierung.
Die Vorstellung einer Stunde Null wuchs da schnell zur probaten Denkfigur. Politiker und Künstler nutzen sie gleichermaßen.
Unter den Musikern hat Karlheinz Stockhausen besonders radikale Formulierungen gefunden. «Die Städte sind radiert», schrieb er, «man kann nun von Grund auf neu anfangen, ohne Rücksicht auf Ruinen und ‹geschmacklose› Überreste». Es war die Geburtsstunde der seriellen Avantgarde.
Aus der Rückschau stellt sich die Stunde Null als Fiktion dar. Vielfach ist aufgearbeitet, wie stark personelle Kontinuität Politik und Kulturleben prägten. Die damit verbundenen, häufig subkutanen Wandlungsprozesse erscheinen aufschlussreicher als der elitäre, nur selten radikal ...
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Opernwelt Mai 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Stephan Mösch
«Wirf dies ererbte Grau’n von Dir», kalmiert der Sensenmann in Hugo von Hofmannsthals «Der Tor und der Tod». Denn: «Ich bin nicht schauerlich, bin kein Gerippe! / Aus des Dionysos, der Venus Sippe / Ein großer Gott der Seele steht vor dir.» Das gibt dem Toren Zuversicht. Und es trifft sich mit der im Booklet von Johannes Martin Kränzles Album «Das ewige Rätsel»...
«Diese Bilderbuchkarrieren, gibt’s die überhaupt?», fragte Doris Soffel im Gespräch mit «Opernwelt» einmal (siehe OW 9-10/2015). Ihre Antwort: «Nein! Es gibt nur Zickzack.» Mit entwaffnender Offenheit sprach da eine Mezzosopranistin, die vom Koloraturfach kommt, ihren internationalen Durchbruch nach neun Stuttgarter Ensemblejahren als Sesto in Mozarts «Tito»...
Ein französischer Komponist aus der Zeit Ludwigs XIV., dessen Name nicht geläufig ist – das macht zumindest neugierig. Umso mehr, als der selbst im Bielefelder Katalog kaum vertretene Nicolas Bernier (1665-1734) hier mit Kammerkantaten vorgestellt wird, deren Meisterwerke von Campra über Clérambault bis zu Montéclair und Rameau bekannt sind und in zahllosen...
