Wille zur Stilisierung
Treppenhaus und Diele im gediegenen Landhausstil. Barockmöbel, an den Wänden Ahnenbilder (darunter Heinrich VIII.). Doch das intakte Dekor täuscht, denn Enrico, der in diesem Ambiente herrscht, gleicht weniger einem englischen Monarchen als einem kalifornischen Gouverneur.
Den muskulösen Körper im gut sitzenden Anzug, eine Zigarette nach der anderen qualmend, schier berstend vor latenter Aggression, doch so beherrscht, dass er sie jederzeit für eine kühl kalkulierte Intrige bündeln kann: Gidon Saks zeichnet treffsicher das Porträt eines modernen, hochgradig manipulativen Technokraten der Macht. Er ist das darstellerische Zentrum dieser Aufführung, und so war es ein Glücksfall, dass er trotz grippebedingter Indisposition auftrat. Und Saks schonte sich nicht: Kein Spitzenton wankte, die mächtige Resonanz dieser Bassstimme zeigte Wirkung. Ein Grenzgang, vermutlich kein ganz ungefährlicher.
Dieser Enrico ist ganz von heute. Die anderen Figuren mit ihren alt-europäischen Zimperlichkeiten – Liebe und Treue, Gewissen und Ehrgefühl – haben keine Chance gegen ihn. Leider (ver)zeichnet die Regie (Imogen Kogge/Tobias Hoheisel) sie als bloße Schemen einer abgelebten Vergangenheit: Die Damen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt April 2013
Rubrik: Panorama, Seite 37
von Ingo Dorfmüller
Fieber? Die Diagnose ginge zu weit. Aber es ist schon eine erhöhte Temperatur, die dieser Italiener aus Oberbayern gerade auslöst. Und das liegt nicht allein an seinem 250. Geburtstag, der am 14. Juni gefeiert wird. Schon seit einiger Zeit entreißt man die Partituren Johann Simon Mayrs, dem missing link zwischen Salieri und Donizetti, den Archiven. 2010 lief an der...
Vier von fünf Regiepositionen bei den Premieren der Stuttgarter Opernsaison sind durch Andrea Moses und das Team Wieler/Morabito besetzt. Jetzt kam bei Giuseppe Verdis «Nabucco» als Joker der 29-jährige Regisseur Rudolf Frey zum Zug. Einen Stich hat er nicht gemacht. Vielleicht etwas viel Druck für den Salzburger, unter den Argusaugen der Überflieger Wieler und...
Schon die ersten Takte der Ouvertüre, von der Hofkapelle München unter dem Energiebündel Michael Hofstetter markig musiziert, reißen den Hörer in die Welt des Sächsischen Hofes von 1742 hinein. Das ist berauschend feurige Musik, die Spaß macht. Und sie kann nicht nur die Muskeln spielen lassen, sondern im dritten Satz der Eröffnungs-Sinfonia, einem höfischen...
