Sein und Schein
In der Avenue Montaigne ist die Welt noch in Ordnung. Fünf-Sterne-Hotels, Nobelkarossen, Edelboutiquen von Chanel bis Louis Vuitton – ein Boulevard des Luxus und der Moden. Die Tristesse der Banlieues ist weit weg, das süße Leben zum Greifen nahe. Bei Valentino, gleich neben dem Bühneneingang des Théâtre des Champs-Élysées, kostet die Abendrobe für die anspruchsvolle Dame knapp vierzehntausend Euro. Die Schaufenster sind perfekt gestaltet, raffiniert ausgeleuchtet – Guckkästen eines am Goldenen Schnitt orientierten savoir vivre.
Selbst ein Laie in Sachen Haute Couture ahnt sogleich: Hier sind nicht Material und Arbeitsaufwand die Hauptquelle der Wertschöpfung, sondern ein imaginärer Zauber, eine Aura ostentativer Exklusivität, welche aus Waren kostbare Kunstwerke macht. Ich glänze, also bin ich.
Der Geist des Ästhetizismus hat in Paris nicht nur hochmögende Schneider im Griff. Das Interesse am erlesenen Stil, an der erhabenen Form – für Modisten natürlich die geschäftliche raison d’être – ist auch in jenem (groß)bürgerlichen Milieu anzutreffen, das in Frankreich nach wie vor den Diskurs über Gesellschaft, Politik und Kultur dominiert. Es geht dabei nicht bloß um Fragen des guten ...
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Auf riesiger, dreiteilig den ganzen Bühnenraum begrenzender Foto-Tapete ist im Augsburger «Otello» ein brausendes Meer gemalt (Bühne und Kostüme: Markus Meyer). So spiegelt die stets gegenwärtige Brandung zeichenhaft die immer aufgewühltere Seele Otellos, dem man Eifersucht beharrlich in die Ohren träufelt. Wie Anthony Pilavachi schon den von Wind und Wetter...
«Zu behaupten, dass man heute Musik schreiben kann, die nicht den Zustand von Verheerung widerspiegelt, dem die Menschen im Spätkapitalismus unterworfen sind, heißt, Musik mit Scheuklappen schreiben, um es vorsichtig zu sagen», bemerkte Hans Werner Henze 1969 in «Musik ist nolens volens politisch». Später freilich relativierte er diese Behauptung, doch die...
Im Osten Schären, die sich ins Meer neigen. Im Westen Steilklippen, in denen Vögel brüten. Dazwischen Grasdächer und knallbunte Holzhäuser. Die Faröer im Nordatlantik, auf halbem Weg zwischen Norwegen und Island, haben alle dieselbe topografische Signatur. Achtzehn Inseln sind es, baumlos, geprägt von bizarren Formationen aus Vulkangestein. Siebzehn davon sind...
